Über Social Scoring, Hegel und die deutsche Bulldogge

Wenn man in Münster als „Hegel“ beschimpft wird, ist man kein unglaublich heller Philosophenkopf sondern hat nicht mehr alle Latten im Zaun.

„Ey, du Hegel. Licht an“, schrie letztens ein Mann zu mir rüber, der mir auch mal zeigen wollte, dass ich nicht mehr alle Latten im Zaun hatte. Ich saß auf dem Rad, und hatte kein Licht an selben und für den feinen Herren stand fest, dass so ein Lichtloser auch sonst ein ziemlicher Hallodri sein müsse.

Später las ich in der Zeitung, dass China seine Einwohner mit dem Social-Credit-System (SCS)motivieren will, bessere Menschen zu werden. Wer sich systemtreu, ordnungsliebend, straßenverkehrs- und öffentlichkeitstauglich benimmt, bekommt Punkte und Punkte bedeuten mehr Lohn, eine bessere Wohnung, eine gelungenere Freizeitgestaltung oder eine kostenlose Nutzung des E-Bike oder Car Sharings. Die Botschaft: Punkte sind geil.

„Ey, du Hegel. Mach die Augen auf.“

Heute sammeln wir Bahn-Card-Punkte im ICE, Bonusheftchen Stempel beim Zahnarzt und beim Tanken gibt es Payback Points. Udo hat jetzt einen Schrittzähler und Gabi kriegt jeden Tag einen digitalen Pokal, wenn sie ihre Yoga Übung gemacht hat.

In China essen sie keine Hunde, aber man ist ganz heiß auf Treuepunkte. Hier schreit man: „„Ey, du Hegel. Diktatur, Dystopie, hier bei uns doch nicht, hier nie.“

Ich denke: „Mach die Augen auf.“ Die deutsche Bulldogge sammelt nicht weniger gerne Punkte. Und auch wenn uns der Konfuzius fehlt und der Hegel irrt, bin ich überzeugt, auch bei uns funktioniert „Social Scoring“.

Schön verpackt, mit einer klasse Marketing Schleife sammeln wir uns auch hier – mit Liebe – in die totale glückliche Überwachung. Da wette ich meine Payback Punkte drauf, ich Hegel.

Mein Freund, der Verschwörungstheoretiker

Ich habe einen Freund, der ist jetzt Verschwörungstheoretiker. Natürlich sagt der Freund nicht: „Hey Andreas, ich bin jetzt Verschwörungstheoretiker.“ Der Freund sagt, er habe Fragen gehabt, die ihm keiner beantworten kann. So hat er selber nach Antworten gesucht und gefunden. Er sagt, ich soll mal aufpassen: „Aufstehen, arbeiten, Alkohol, ausruhen. Aufstehen, arbeiten, Alkohol, ausruhen. ABER: Aufstehen, arbeiten, Analyse, Alkohol, ausruhen. Aufstehen, arbeiten, Analyse, Alkohol, ausruhen.“ Er fragt, ob ich was merke. Ich sage, dass ich ja nicht blöd bin. Er nickt. „Dann weißt du ja Bescheid“, sagt er. „Sowas von Bescheid“, sage ich und denke: „Oh, oh … mein Freund, der ist jetzt Verschwörungstheoretiker.“

Er sagt, weil er eine andere Meinung hat, wird er jetzt von der Gesellschaft geschnitten. Freunde wenden sich ab, auf dem Elternabend in der Kita wurde ihm sogar der Vorsitz entzogen und in seiner Stammpinte soll er jetzt Mundschutz tragen. Ich sage: „Schwierig, schwierig.“

Mein Freund sagt: „Andreas, wir leben in einer linken Meinungsdiktatur.“ Aber er, der Freund, trägt jetzt keinen Mundschutz mehr. In seinem Supermarkt haben sie ihn gebeten, zu gehen. Mein Freund sagt: „Und weißt du, was ich gemacht habe. Ich bin gegangen.“ Ich sage: „Schwierig, schwierig.“ Ich denke, was ist die Alternative? Bleiben?

Mein Freund sagt: „Andreas, die Gesellschaft ist gespalten. Überlege mal, wer die Gewinner sind.“ Ich überlege. Keine Ahnung. Ich bin gespalten.

Mein Freund sagt, er wird jetzt als Verschwörungstheoretiker beschimpft, weil er sich informiert hat. Er zeigt mir Youtube Videos von Menschen, die die Wahrheit sagen. Ich frage, warum die Wahrheit so schwer zu verstehen ist? Warum die Videos so ruckeln?

Mein Freund sagt, die Wahrheit findet seinen Weg. Aber sie versuchen, ihn ruhig zu stellen, zu unterdrücken. Unterdrücken?“, frage ich. Mein Freund sagt, er kann nicht mehr mit Menschen befreundet sein, die sich unterdrücken lassen. Er ist viel zu wütend, um ruhig zu bleiben. „Schwierig, schwierig“, sage ich und überlege, ob  mein Freund noch mein Freund sein kann. Schwierig, schwierig.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Ich wache auf, da ist Mutter, sie will mir Strähnchen machen

Sonntag, 3 Uhr, Neumond. Ich wache auf, sitze auf meinem alten Kinderbett und höre Mutter an der Tür kratzen. Junge, lass mich rein, kreischt es hinter der Tür. Ich habe sie mit meinem alten Schreibtisch verbarrikadiert, den Tisch mit einem Stapel „Was ist Was“ Bücher und „Schlümpfe“ Comics beschwert. Aber wie lange wird Holz und Comic dieser Ur-Krafte einer Mama standhalten? Junge, lass mich rein, röchelt es durch das Schlüsselloch. Oh Gott, was ist hier falsch?, denke ich.

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Über Crowdfounding Plattformen, zweite Einkommen und natürlich Mutter

Ich bin jetzt bei „steady, sagte mir Anfang Juni ein Lesebühnen Kollege. Er hatte sich kurz vor der Corona Pandemie angemeldet und während des Stillstands hatten ihn die regelmäßigen Einnahmen durch die Veranstaltungspause gebracht. Der Kollege lebt hauptsächlich von seinen Auftritten und Buchverkäufer am Bühnenrand, da war die Corona Krise eine existenzbedrohende Sache.

Ich hatte noch nie von „steady“ gehört und fragte ihn, was das denn genau sei, wo man so nebenbei noch ein Einkommen bekommt. Er zeigte mir darauf, wie man sich auf eine Crowdfounding Plattform selber bewirbt und gegen laufende Zahlungen exklusive Inhalte oder ein „Danke schön“ anbietet. Spannend, dachte ich. „Danke schön“ kann ich. Als dann ein paar Tage später ein anderer Autor enthusiastisch eine ähnliche Plattform anpries, „patreon“, war ich angestachelt. Steckt da wirklich eine Chance dahinter? Das Prinzip ist immer das Gleiche: Künstler, Autor, Fotograf, Designer, Blogger, Taxifahrer oder was auch immer werden über ein Abonnement unterstützt. Der Abonnent kriegt dafür vom „Publisher“ exklusive Inhalte oder einfach ein „Danke schön“. Klar überlegt man, ob man auch „Publisher“ wird. Ein weiteres Einkommen ist ein sehr guter Grund, das „weitere“ brauche ich gar nicht, das Einkommen reicht mir schon.

Aber was ist, wenn dich keiner abonniert? Das ist sie wieder, meine Angst: Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, dass mich jemand abonniert. Warum auch? Weil ich ein wenig vor mich hinblogge? Oder weil ich einmal im Monat auf einer Lesebühne stehe? Weil ich ein paar Bücher herausgebracht habe? Weil ich in den letzten Jahren jedes kleinste Kuhkaff besucht habe, wenn jemand Poetry Slam schrie (ne, habe ich gar nicht)? Oder weil ich fleißig in die Künstlersozialkasse einzahle, da mich der Staat für einen Künstler hält? Ja, warum? Warum? Gerade mich? Gerade mich?

Ich stöbere herum. Auf der „steady“ Seite finde ich tatsächlich einen Slam Poeten und Comedian, der früher auch mal in meiner Stadt auftrat. Er hat – „Achtung! Achtung! Jetzt kommt eine Durchsage!“ – einen Abonnenten (sic!) und ich wette eine handsignierte Ausgabe meines letzten Buches, dem Bestseller „Herr Weber auf Safari“ darauf, dass es seine Mutter ist.

Aber ich will nichts gesagt haben oder nur leise. Wenn ich meine Erzeugerin bitten würde, mich auf einer Crowdfounding Plattform als regelmäßige Abonnentin mit einem kleinen Betrag zu unterstützen, würde sie mir nur erschrocken sagen, dass ich mich nicht auf so einen gefährlichen Unsinn einlassen soll. „Junge, du hast doch studiert. Du endest noch wie dein Vater, wenn du so weiter machst“, sagt sie dann wieder und ich werde wieder überlegen, wie mein Vater denn geendet ist, dass es meine Mutter so beeindruckt hat.

Ja, „steady“ und Co sind nichts für mich. Das weiß ich jetzt. Nicht wegen meiner Mutter oder dem einem gruseligen Abonnenten. Nein, es ist, weil man auch so eine Plattform wieder pflegen muss, also arbeiten und da bin, so regelmäßig, nicht gut drin. Das ist das Kreuz, das ich trage.

 

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Mach dich nackig

Dienstleistung macht nackig. Ob Supermarkt-Fachverkäufer, Künstler oder Gastronom überall muss man sich privat machen, um Vertrauen zu schaffen.

Damit dich der Kunde kennenlernt“, erklärte mir damals die ältere Dame bei der Berufsberatung. Ich war dreizehn, sie war mehr im Alter meiner Oma. Sie erzählte, ich nickte brav und machte das Pflicht- Praktikum bei einer Rentenversicherungsanstalt.

Alles hängt zusammen“, sagte Oma immer und Oma war eine sehr weise Frau. Opa sagte immer, im Mittelalter hätten sie die Oma sofort verbrannt, so weise war die („Und heiß“, Opa grinste. „Opa, Igitt“).

Jedenfalls wusste ich nach dem Praktikum in der Rentenversicherungsanstalt, dass ich nicht in einer Rentenversicherungsanstalt mein Glück finden würde. Immerhin etwas im Heuhaufen gefunden.

Ansonsten hatte ich sogar Glück. Bei mein Schulkumpel Michael sah das Praktikum schon ganz anders aus. Er hatte kein Glück. Mit Michael teilte ich nicht nur die Schulklasse sondern auch die Leidenschaft der Fantasy Rollenspielwelt. Kurz bevor in unsere Köpfe das Hormon- Karussell los-ratterte und ich bald nur noch an „Mädchen, Mädchen, Mädchen“ denken konnte, gingen wir alle noch mal richtig auf Elfen, Zwerge und Goldene Drachen ab. Die letzten Tage der Unschuld sozusagen.

Jedenfalls hatte Michael nicht so Schwein mit seinem Praktikum. Er landete bei Karstadt. Socken Abteilung. Die ältere Dame in der Berufsberatung hatte mit Martin das Thema Einzelhandel erarbeitet, Unterthema Socken. Nach drei Wochen Socken hatte Martin seine Erfahrung gemacht. Auch er wusste danach, dass er nicht in der Socken-Abteilung bei Karstadt sein Glück finden würde. Bis er sein Abitur in der Tasche hatte, sollte Martin auch keine Socken mehr tragen. Danach haben wir uns nicht mehr gesehen und Karstadt machte pleite.

Aber weiter: Dienstleistung macht nackig. In meinem bevorzugten Supermarkt kenne ich nach vier Jahren Einkauf jedes Gesicht. Die Rothaarige an der Kasse, die den Mund nicht aufkriegt. Die kleine Pummelige an der Käsetheke, bei der das Kind immer noch ein Scheibchen Kinderwurst bekommt, die Transsexuelle an Kasse Drei und natürlich der Auszubildende an der Fleischtheke. Seine Ausbildung verfolgen wir Kunden seit Jahren. Und es sieht nicht immer gut für den Jungen aus. Glücklicherweise arbeitet auch seine Mutter im Fleischgewerbe und sogar an der gleichen Theke. Eine robuste Dame mittleren Alters, die sich noch traut eine echte Dauerwelle zu tragen, scheint verantwortlich für den Jüngling hinter dem Fleisch. Sie versorgt uns durch ihre kleinen Ausraster mit Informationen. Öfters in den letzten Jahren hat sie sich ihr Bürschchen vorgenommen. So erfuhr ich zum Beispiel, während sie mir einmal 250 Gramm Mett über die Theke reichte, dass ihr Schützling seine schulische Ausbildung nicht besonders Ernst zu nehmen schien. Sie maulte ihn an, dass er seine letzte Chance mit ihr zusammen am Fleisch zu arbeiten, nicht einfach wegwerfen sollte. Oder willst du so enden wie dein Vater, drohte sie. Sowieso schien der Junge nicht nur schulisch sondern auch in der Liebe ein Tunichtgut zu sein. Die Frau weiß – nach einem ihrem letzten Supermarktbesuche – über einen Monolog der Mutter zu berichten, wo es um dieses sensible Thema ging. So war seine letzte Errungenschaft wohl ein ganz heißes Mädchen, die sich nicht schämte, zur Sonntagsbraten-Einladung der Eltern kein Unterhöschen, alias Schlüpfer unter dem Rock zu tragen und diese heiße, aber wirklich heiße News auch noch dem verwirrten Jungen zwischen zwei Scheibchen Schweinebraten mitzuteilen. Nicht nur der Junge auch sein Vater (wir wissen: auch ein Tunichtgut) konnten gar nicht schnell genug unter den Tisch gucken. „Junge, was haben wir bloß falsch gemacht“, sagte damals die Dienstherrin und Mutter des Auszubildenden. „wenn du so weiter machst landest du nach bei dem Tönnies, drohte sie ihm.

Ja, Dienstleistung macht nackig“, schwärme ich, während ich in meinem Online Tagebuch minutiös meine und andere Taten niederschreibe. Und er arbeitete glücklich bis an sein Lebensende am Fleisch, schreibe ich, glücklich, nackig und lege den Stift zur Seite.

 

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Pasquill

(Das bzw. der Pasquill (italienisch: „kleiner Pasquino“, auch: die Pasquinade) ist eine Schmäh- oder Spottschrift, die verfasst wird, um eine bestimmte Person zu verleumden oder in ihrer Ehre zu verletzen. Quelle: Wikipedia)

Martin hat eine neue Freundin. „Die Helga“. So hat sie sich vorgestellt. „Hallo, ich bin die Helga.“ Das Kind hat die Helga gesehen und gelacht. „Du bist ja ganz fett“, hat das Kind gesagt. Wir haben alle mehr oder weniger gelacht. Mehr das Kind, wir anderen weniger. Jedenfalls besucht die Helga den Martin jetzt immer am Wochenende. Martin und Helga haben sich für eine Fernbeziehung entschieden.

Fernbeziehungen sind Rollenmodelle, die in einer eingeschlechtlichen, zweigeschlechtlichen oder anders- geschlechtlichen Partnerschaft eingegangen werden, damit man den Druck aus der Spritze bekommt.

Später gehen das Kind und ich einkaufen. Das Kind möchte wissen, was eine Fernbeziehung ist und warum Martin immer so traurig guckt, wenn die Helga wegfährt. Bei einer Fernbeziehung wohnen die Partner an verschiedenen Orten, erkläre ich dem Kind. Auf Grund des Berufes, Verpflichtungen die sich aus früheren Lebensgemeinschaften ergeben, manchmal aber auch medizinischen Gründen, hier sind als Beispiele eine asthmatische Erkrankungen oder eine Pollenallergie zu nennen, ist es nicht möglich, zusammenzuziehen. Oft sind alle deswegen sehr traurig.

Das Kind und ich stehen an der Supermarktkasse. Das Kind sagt, dass es auch sehr traurig ist. Leider versucht es in seiner Trauer ein paar Süßigkeiten zu mopsen und wird vom Filialleiter des Diebstahls überführt. Ich versuche mich für das Kind zu entschuldigen, aber das Kind weiß sich selber zu helfen. Erst kratzt es sich am Po, dann schreit es aus allen Rohren. „Meine Scheide brennt“, kreischt es, schmeißt sich auf den Boden. „Meine Scheide.“

Ich kenne diese Auffälligkeiten bei ihr schon, andere nicht. Böse Blicke erreichen den Filialleiter: Ein Kleinkind, ein älterer Herr in einem grauen Supermarktkittel, der das Kind offensichtlich gegen dessen Willen festhält, eine brennende Scheide. Der Fall ist für das Publikum klar und das Kind kommt ohne Strafe davon, darf sogar die Süßigkeiten behalten. Trotzdem werden wir hier nicht mehr einkaufen. Nicht der erste Supermarkt, denke ich.

Studien zeigen, Fernbezieher ziehen es früher als andere vor, wieder wieder alleine zu leben. Sächsische Wissenschaftler (vielleicht auch niedersächsische, das spielt hier gar keine Rolle) haben in einer mehrjährigen Langzeitstudie, dass Verhalten der Fernbezieher zum Benzinpreis analysiert und gezeigt, dass Forschung nicht immer sinnvoll ist.

Wieder zu Hause klingelt das Kind beim Nachbarn und fragt, ob Martin und die dicke Helga auf Grund des Berufes, Verpflichtungen, die sich aus früheren Lebensgemeinschaften ergeben oder aus medizinischen Gründen nicht zusammenziehen. Martin erklärt darauf meine Tochter zur persona non grata und schmeißt seine Tür zu. Das Kind bleibt mit vielen Fragen vor der Tür zurück. Aber so ist das in dem Alter. Wichtig: Für mich bleibt das Kind eine persona gratissima.

(Als Persona non grata bezeichnet man den Status eines Angehörigen des diplomatischen Dienstes oder einer anderen Person, deren Aufenthalt von der Regierung des Gastlandes per Notifikation nicht mehr geduldet wird. Das Gegenteil ist die persona grata beziehungsweise die persona gratissima. Quelle: Wikipedia)

Dumm und duselig – Ideen für das schnelle Geld

In unserer Wochenzeitung haben sie von einem Start-up berichtet, das sich mit Koch Boxen dumm und duselig verdient hat. „Dumm und duselig“ haben sie natürlich nicht geschrieben, aber das habe ich zwischen den Zeilen herausgelesen.

Ich dachte, vielleicht mache ich auch mal sowas wie Koch Boxen. Natürlich eher etwas, womit ich mich auskenne. So etwas wie…?, fragte ich mich. Ich könnte…?, dachte ich und dachte und dachte und dachte. Dachte dann, dass die Idee aber auch ihre Schwächen hat, ich die doch nicht so gut finde. Man muss nur mal an die Umwelt denken. Die ganzen Koch Boxen auf der Straße, geht doch nicht, dachte ich. Dabei verdienen die sich mit ihren blöden Koch Boxen dumm und duselig, haben sie auch in der Presse gesagt. Ich  regte mich einen Moment auf und vielleicht sogar einen zweiten,  aber dann dachte ich glücklicherweise auch schon an etwas anderes.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Rassist

Wir möchten einen Slam gegen Rassismus machen, sagt die Studentin, Geisteswissenschaft und European Economic Management. Wir wollen Flagge zeigen, erklärt sie mir. Ich nicke. Einen Slam. Wow, tolle Idee, spektakulär, denke ich und sage: Flagge zeigen ist wichtig.

Es dürfen nur Texte vorgelesen werden, die sich mit Rassismus beschäftigen. Du kennst doch sicher Slam Poeten, die Rassismus erfahren haben. So ein Afghane oder Schwarzafrikaner wäre toll. Ich nicke. Bestimmt sind da auch Schwarzafrikaner oder ein Afghane, sage ich. Stolz erzähle ich, dass ich sogar einen Autor aus Island kenne. Die Frau sagt aber, dass Island nicht so gut ist, weil man da zu wenig Unterschied sieht, Aha, sage ich. Dann ist das abgemacht?, fragt die Studentin. Ich nicke. Abgemacht. Und eine Gage, frage ich vorsichtig. Das ist natürlich alles Ehrenamt. Also ich nehme da nichts für. Aber es gibt einen Hut, erklärt die Frau. Ich nicke. Lecker Hut, sage ich.

Aber „hey“, ich will nicht lästern,. Flagge zeigen ist wichtig, haben wir auch gerade erst wieder gemacht. Gestern was gegen die Corona Pandemie, vorgestern gegen Umweltverschmutzung, davor für eine Auto freie Innenstadt, gegen die AFD sowieso, für sauberes Wasser und gegen Folter und Unmenschlichkeit, für mehr Frauen in Führungspositionen (Das kannst du aber nicht moderieren, weil das doof aussieht, also ein Mann, der was für Frauen macht, sagte damals eine Frau, die es aber auch nicht machen wollte, und so habe ich es doch gemacht), gegen Atomkraft, gegen Tierversuche, für Tierwohl und veganen Freitag, für mehr Datenschutz, gegen die globalen Softwaregiganten, aber für eine globale Welt, natürlich für mehr Open Source, gegen Kapitalismus im Allgemeinen, gegen TTIP und CETA im Besonderen, für Europa, aber gegen ein Europa der Wirtschaft, für ein Europa der Menschen, der Kulturen, gegen Waldsterben, für Bienen und bedrohte Völker, gegen Verschwörungstheorien und ihre Theoretiker, für Schwarze, Behinderte, Fahrradfahrer, Asiaten, Afrikaner, für mehr Dorf, gegen das Aussterben der Innenstädte, gegen Trump, gegen China (wegen Hongkong und die Uiguren), für ein freies Tibet, für barrierefreie Verwaltungsgebäude und wenigstens eine diverse Toilette in jeder Öffentlichen Einrichtungen, gegen Erdogan, aber nicht gegen die Bevölkerung, das darf man nicht verwechseln, für Migration in unser Land, offene Grenzen, offene Gesellschaften, aber gegen Urlaub an den letzten unberührten Flecken dieser Erde. Für Wale, gegen Walfang und Zoohaltung, gegen Zirkustiere und gegen die Jagd von Wild im europäischen Mischwald..

Alles schon gemacht. Flagge gezeigt. Aber manchmal frage ich mich, was ich eigentlich bin. Kulturnutte? Wobei ich Nutte nicht frauenfeindlich meine, sondern eher wie Homosexuelle schwul sagen, oder Schwarze sich Nigger nennen, so meine ich das. So anders eben.

Die Texte für oder gegen eine Sache sind mittlerweile schnell geschrieben, die Flagge geschwind gezeigt. Man muss nur noch das Subjektiv wofür oder wogegen man ist, austauschen und dann „Ich hasse es“ davor schreiben. Gerne nutze ich auch „Ich habe einen Traum…“. Am besten vor jeden Absatz. Noch wahnwitziger: I have a dream…. Dann klappt das schon. Das geht schnell. Aber das ist auch scheiße, denke ich.

Am Ende sage ich doch diesen Poetry Slam und der Stundentin ab. Ich glaube, ich kann nicht mitmachen, erkläre ich mich.

Rassist, sagt sie.

Ach du lieber Gott, denke ich und das ich über den, den lieben Gott, wirklich gerne mal was schreiben würde.

Notizen auf dem Reihenhäuschen – Homeoffice

Ich bin im Homeoffice. Das Kind liegt auf dem Bett und hat versprochen mich nicht zu stören. Es guckt sich ein Buch an, ein Vogelbuch, und wackelt mit den Füßen. Ich fühle mich nicht gestört.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und überlege, was ich heute in mein dystopisches Glossenportal huste. Ich nenne das Arbeit.

Papa? Das Kind hat aufgehört, in das Buch zu gucken. Papa? Jetzt guckt es mich an.

Ich fühle mich immer noch nicht gestört. Papa? Was ist das für ein Vogel?, fragt es. Das Kind steht mit dem Buch neben meinem Schreibtisch. Du hast versprochen, mich nicht zu stören, sage ich, versuche dabei ein wenig Vorwurf in die Stimme zu legen. Das Kind kennt Vorwurf noch nicht, lacht und legt das Vogelbuch auf meinen Tisch, es zeigt auf einen Pfau. Ich fühle mich vielleicht doch gestört. Das ist ein Pfau, sage ich. Kann der fliegen?, will das Kind wissen. Ich spule mein spärliches Pfauen Wissen ab. Jetzt verzieh dich, sage ich. Das Kind gehorcht.

Die Zimmertür geht auf. Unterm Türrahmen steht eine Frau. Es ist die Mutter des Kindes, meine Frau. Klopfen war früher, denke ich, bleibe aber ruhig. Die Frau ist aufgedreht. Sie hat heiße News, sagt sie. Weißt du, wer mit wem zusammen ist? Da kommst du nie drauf. Die Frau lacht glücklich. Robert und Doro. Sie schaut mich erwartungsvoll an. Ich kenne keinen der beiden. Trotzdem lache ich kurz auf. Ich will ein  erfreutes Erstaunen zum Ausdruck zu bringen. Die Beiden, versuche ich mein Lachen zu unterstreichen. Mittlerweile fühle ich mich sehr gestört.

Die Frau fragt, warum ich so blöde lache. Auf dem Bett fängt das Kind an zu weinen. Es hat hat sich eine Kante des Vogelbuchs in die Nase gesteckt. Natürlich blutet sie Buch und Bett voll. Die Frau fragt, ob ich so komisch lache, weil das Kind blutet. Ich sage, dass ich wegen Robert und Doro lache. Die Frau guckt gar nicht mehr freundlich. Sie fragt sich manchmal, ob ich ein wenig gestört bin. Ich klappe den Deckel des Notebooks runter. Ich nicke. Vollkommen richtig, denke ich. Ich fühle mich nicht nur gestört, ich bin mittlerweile gestört.

Notizen auf dem Reihenhäuschen – Rollerspieler

Ein Freund hat mich zum Rollenspiel Abend eingeladen. D&D hast du doch früher auch gespielt, sagte er am Telefon. Klasse Begründung, dachte ich. Früher war vor fast vierzig Jahren. Es ist nicht so, dass Männer um die Fünfzig, die sich dem Rollenspiel widmen, mir Angst machen, aber seltsam sind sie schon. Ich habe lieber die Spielerei abgesagt. Jetzt kochen wir stattdessen was Schönes.