Über Rentner, die von Rollatoren erschlagen werden (Die wahre Geschichte)

Es war ein heißer Tag in Fußgängerzone Bochums. Auf dem glühenden Asphalt flimmerte die Luft. Bei diesem Wetter sollte man mit Freunden das Freibad genießen oder ein kühles Getränk im Schrebergarten oder auf Bad Balkonia zu sich nehmen. In den Nachrichten rieten die Moderatoren, zu Hause zu bleiben. „Obacht! Hitzealarm!“, sagten sie. Wer Probleme mit Hitze hat, solle die Fenster verhängen, sich zu Hause in seinem Sessel ein wenig Ruhe gönnen, warten bis die schlimmste Mittagshitze vorbeigezogen ist, empfahlen die Wetterfrösche.

Eine Rentnerin hat die Meldungen nicht gehört oder nicht hören wollen. Ein wenig später war sie tot. Mord. Der Mörder, ein Asylant. Ein Ausländer.

Hintergrund: Die Rentnerin Elisabeth Schulze Erdel konnte heute nicht zu Hause warten. Sie hatte Hummeln im Po. Sie musste dringende, wichtige Einkäufe in der Stadt erledigen. Am nächsten Wochenende feierte ihr Lieblings-Enkel Wolfgang Schulze Erdel aus Bottrop seinen achtzehnten Geburtstags und Oma Elisabeth, wie sie liebevoll von allen, die sie kannten, genannt wurde, wollte ihrem Wolli in der Stadt noch ein paar Geschenke kaufen. Sonst würde Elisabeth Schulze-Erdel sicher nicht auf die Idee kommen, bei der Hitze rauszugehen. Hatte der Arzt ihr nicht geraten, gerade im Sommer es Ruhig angehen zu lassen. „Ihr Herz, liebe Frau Schulze-Erdel, ihr Herz, es ist nicht mehr das Jüngste. Frau Schulze Erdel. sie sind keine Achtzehn mehr. Auch wenn man ihnen sicher nicht ihre Jahre ansieht, sollte sie ihrem Arzt vertrauen“, scherzte noch gestern ihr Hausarzt.

Aber was machte Oma Elisabeth nicht alles für ihren Enkel, der ihr schon vor drei Jahren einen Urenkel geschenkt hatte? Welche Oma darf das heute noch erleben, Ur-Oma werden?

Auf jeden Fall war Frau Schulze Erdel gerade mit ihrem Rollator, einem Drive Medical Rollator Nitro, in der Fußgängerzone zwischen Karstadt und Kaufhof Sie überlegte, ob sie sich vor dem Kauf einer neuen Armbanduhr für ihren Enkel noch eine Bratwurst gönnen sollte, als plötzlich ein fremdländisch aussehender Mann ihren Weg kreuzte und sie anrempelte. Hä, schrie Frau Schulze-Erdel, die nicht wusste, wie ihr geschah. Doch statt sich für seinen Rempler zu entschuldigen, rempelte der fremdländisch aussehende Mann sie ein zweites Mal an, so dass sie auf den Popo plumpste. Und plötzlich passierte es: Ein Mord am helllichten Tag. Der Mann, der scheinbar drogensüchtig war, so nimmt heute die Staatsanwaltschaft an, nahm sich den Rollator, einen modernen Drive Medical Rollator Nitro, und schlug ihn Frau Schulze Erdel auf den Hinterkopf. Danach schnappte er sich den Drive Medical Rollator Nitro, der auch gebraucht noch gute Preise erzielt, und flüchtete in den Kaufhof hinein, wo er sich scheinbar verstecken wollte.

Doch die Flucht mißglückte. Im Kaufhaus wurde er glücklicherweise sofort von diversen Passanten und einem Kaufhausdetektiv gestellt. Sie sperrten den drogensüchtigen Ausländer in eine Damenumkleide und eine Verkäuferin „Oberhemden und Damenunterwäsche“ rief die Polizei.
Wäre die Polizei nicht schnell genug dagewesen, man weiß nicht, wie weit die Wut der Passanten gegangen wäre. Der drogensüchtige, lumpig aussehende Ausländer bekam den ganzen Hass der Passanten zu spüren. Du dreckiger Ausländer, brüllten sie. Ich will auch spuken, riefen sie.

Später stellte es sich heraus.: Es war natürlich ein Wirtschaftsflüchtling. Nachdem sein Antrag auf Urlaub in der Hängematte Deutschlands gescheitert war, ist er ausgerastet. Die Staatsanwalt berichtete heute unserer Zeitung, dass der dreckige Ausländer am Morgen seinen ablehnenden Asylbescheid bekommen hatte. Aus Hass auf Amt und Beamte ging er ihn die Stadt und beschloss, eine wehrlose Dame zu verletzen, die zu ihrem Unglück Oma Elisabeth hieß.

Einen Tag danach. Wir fragen: Wie lange noch? Müssen erst noch weitere Rentnerinnen von Rollatoren erschlagen werden. Was kommt als Nächstes? Werden unsere Kinder bald von afrikanische Drogendealern unterrichtet? Ist der Afrikaner dabei, unsere deutsche Kultur zu übernehmen.

Lesen sie nächste Woche: Hunderkrieg in Berlin: Rumänischer Mischling beklaut deutschen Schäferhund. Mütter protestieren: Asylbewerber wirbt für Kinderschokolade.

SCHWARZ ROT GOLD

Der Adi hat seine Flagge und den ganzen Krempel jetzt wieder reingeholt. „Wo die Deutschen wieder einmal so im Osten versagt haben, muss ich nicht auch noch Flagge zeigen“, erklärt Adi gerne, wenn jemand fragt, und irgendeiner fragt ja immer. Dabei hatte sich Adi so Mühe mit dem Haus- und Hofschmuck gegeben. Sein Auto hatte zwei kleine Fähnchen im Fenster, die Seitenspiegel waren mit Deutschlandüberzieher versehen, in seinem Garten hisste er an einem 10 Meter Fahnenmast Schwarz Rot Gold und in jedem Fenster hing wenigstens ein kleiner Deutschlandwimpel. Der Adi war der zwölfte Mann in Russland, also eigentlich hinterm Fernseher, aber dort schrie er bis nach Russland.

Aber ach, hat alles nichts genützt. Der Deutsche hat im Osten wieder versagt, betont Adi, wenn man ihn fragt und irgendeiner fragt ja immer. Der Deutsche kann den Osten einfach nicht. Adi weiß das. Adi hat Bücher gelesen, wo das drinnen steht. Der deutsche Plan im Osten neue Gebiete für das Volk zu annektieren, ist im 20. Jahrhundert zweimal schön daneben gegangen, schreiben deutsche Wissenschaftler in deutschen Büchern, die über deutsche Verlage vertrieben werden.

Das erzählt Adi gerne jeden, der danach fragt und irgendjemand fragt ja eigentlich immer.

Nein, jetzt wird nicht mehr Flagge gezeigt, auch wenn Adi stolz auf seine Flagge ist. Seit 2006 darf der Deutsche nämlich wieder Flagge zeigen, weil er so ein klasse Gastgeber war.

„Du, der Deutsche, der hat sich verändert. Die Kartoffel ist richtig nett geworden.“ Solche Sätze haben die Ausländer im Sommer 2006 gesagt, als die ganzen Ölaugen, Neger und Itaker Adi und die anderen Deutschen besucht haben. Das war ein Jahr. Adi kriegt immer Tränen in die Augen, wenn er daran denkt, wie schön das war. Weltmeister wurde man nicht, aber man gezeigt, dass es den guten Deutschen gibt. Und auch der Adi ist in Guter. Ein guter Deutscher. Auch der Adi isst gerne mal einen Döner oder zwei. Und Pizza. Die Pizza ist für den Adi eigentlich schon so normal wie eine anständige Currywurst. Da fängt nämlich Gastfreundschaft an. Auch mal das Fremde zulassen. Ja, und der Adi weiß, die Internationale Küche zu schätzen. Mach scharf, sagt er gerne, zu seinem Lieblings-Dönermann und der Dönnermann kann scharf, das glaube mal. Das betont der Adi auch gerne, das der Dönermann scharf kann, wenn man ihn fragt, und irgendeiner fragt ja immer.

1936 bei den Olympischen Spielen hat der Deutsche auch gezeigt, dass er ein guter Gastgeber war. Damals durfte auch der Neger aus Amerika mitspielen, da hat niemand was gesagt. Heute spielt der Neger sogar bei den Deutschen mit, da sagt natürlich der ein oder andere was. So als Nachbar möchte man ihn ja nicht haben, den Neger, sagt der ein oder andere leise. Weil das darf man wohl noch sagen, sagt man, wenn man das eigentlich nicht sagen darf. Neger, Neger, denkt Adi und lacht. „Lieber Neger, seien sie uns willkommen, aber nicht als Nachbar“, sagt ein Kollege von Adi immer. Der Spinnemann. Wie der Gauland. Auch so ein Spinnemann. Da muss sogar Adi lachen, wenn der Kollege so Späßchen macht. Aber heute ist Adi nicht nach Späßchen. Ne, Adi ist traurig. Jetzt auch noch die Schande von Russland. Um wer ist schuld? Viele. Der Osten. Der Neger. Die beiden Türken. Die Merkel. Und die Grünen sowieso. Die Windbeutel.

Naja, Adi hängt die Flagge ab. Und Montag,, wenn der Seehofer die Merkel richtig in den Popo … dann steht der Adi mit an der Grenze, Flüchtlinge kloppen.

Über dumme Menschen

Obacht Bürger! Münsters hat mit sinkenden Käuferzahlen in der guten Stube zu kämpfen. Münsters Einzelhandel geht den Bach runter.  In einem Leserbrief, verfasst von einer Monika R. aus dem Pendler-Dorf O., werden jetzt die wirklichen Gründe benannt.

Obacht! Es sind einmal nicht die Online Shops, die dem traditionellen Händler in der Stadt des Westfälischen Friedens den Krieg erklärt haben – heute geht es nicht gegen Amazon, Zalando und Co.

Obacht! Heute sind es auch nicht die zahlreichen Events, welche die Provinzhauptstadt in einen Vergnügungspark verwandeln. Natürlich machen sie dem Kaufmann das Leben schwer, da wir beim zu Tode Vergnügen gerne eine 1-Meter Bratwurst verspeisen, aber nicht unbedingt ein klassisches Porzellan Service erwerben.

Nein, heute steckt der Teufel mal nicht im Online Handel oder im Freizeitpark Deutschland. Nein, heute sind es die Horden marodierender Radfahrer, die täglich über Münsters Straßen jagen, die der Kaufmannschaft, den Erben der alten Hanse, den Garaus bereiten.1

Monika R. weiß in ihrem Leserbrief, von traumatisierten Besucher der Friedensstadt zu berichten, die einmal in der Innenstadt ausgesetzt, ängstlich sich an Mauerwände drückten, um sich gegen den Fahrradfahrer zu schützen. Zu Hilfe. Zu Hilfe, stand auf den Lippen dieser fremden Besucher, so Monika R. aus dem monothematischen Pendler-Dorf O.

Jetzt will man dem Schrecken jedes Autofahrer auch noch die Vorfahrt auf so mancher klassischer Autostraße schenken. Monika R. sagt: „Obacht! Die Situation ist völlig außer Kontrolle.“ Heute fragt die Leserin und besorgte Bürgerin zu Recht: „Und was kommt als Nächstes?“

Erst wenn der letzte Diesel verschrottet, das letzte Kohlekraftwerk abgestellt und wir auf jedem Hügel eine Windkraftanlage gestellt haben, werden wir erkennen, das der wahre Teufel Bio isst, so die Leserin Monika R. aus dem Vorgarten- und Carport- Paradies O.

Ich sage: „Monika R., du hast Recht. Bald wird der letzte Autofahrer Deutschland den Rücken kehren. Und ich hoffe, er nimmt dich mit.

1

Der Ausdruck Garaus entstand aus dem Ruf „gar aus!“ (vollständig aus!), der im 15. Jahrhundert in Süddeutschland die Polizeistunde ankündigte. Später erhielt der Begriff allgemein die Bedeutung Ende. Heute wird er nur noch in der Wendung „jemandem/etwas den Garaus machen“ (jemanden töten oder vernichten, einer Sache ein Ende bereiten) verwendet

Deutschlandreise #5 – Osnabrück Bahnhofsvorplatz

Osnabrück Hauptbahnhof. Zwanzig Minuten bis mein Zug kommt. Ich setze mich auf den Vorplatz beobachte Land und Leute. Der Platz schneidet gut im Vergleich zu anderen Bahnhofsvorplätzen ab. Keine Hauptstraße direkt vor der Tür, sondern nur ein paar Bänke, Bäume, Bushaltestationen und der obligatorische Taxistand. Ein paar Fahrer stehen vor ihren Autos, rauchen, unterhalten sich über die schlechten Umsätze. „Früher war alles besser“, sagen sie. „Früher war alles besser“, sagte ich schon vor zwanzig Jahren, als Taxifahrer mein Beruf war.

Auf dem Vorplatz ein wenig Kunst aus Metall. Auf Kreisverkehren, Bahnhofsvorplätzen und Autobahnabfahrten stehen oft riesige Metallskulpturen. Die Lücke mit ein wenig Kunst füllen, das dient der kulturellen Bildung unserer deutschen Staatsbürger und macht ein gutes Bild vor unseren ausländischen Gäste. Gerne zeigt man im Öffentlichen Raum, in Veraltwaltungen und in Bankhäusern auch Kunst von Kindern, die sich zu einem Thema wie Krieg oder Umweltverschmutzung Gedanken gemacht haben. Natürlich nicht im Kreisverkehr oder auf Autobahnabfahrten, aber wenn was mit Kindern geht, werden ihre Arbeiten gerne genommen. Wir sind ein kinderfreundliches Land, sagen diese Bilder. Auf dem Vorplatz Osnabrück Hauptbahnhof aber eine Metallskulptur. Kunst, die nicht weg weht und auch nicht so schnell durch Rabauken beschädigt werden kann. Hier geht leider nichts mit Kindern.

Rund um den Bahnhofsvorplatz die typischen Bahnhofsvorplatz-Dienstleister und Geschäfte. Ein Kebabhaus neben einem Drogeriemarkt, ein McDonald neben der Post, es folgen Hotels für jeden Geldbeutel und ein Cinestar Kinokomplex. Im Hintergrund ein Spielkasino, wofür Osnabrück bekannt ist. Tante Heide hat hier mal ihre schmale Sozialhilfe verzockt, was ihre Stellung in unserer Sippschaft nicht gerade aufgewertet hat.

Osnabrück Hauptbahnhof. Noch zwei Minuten bis meine Bahn kommt. Ich schulter meinen Rucksack und verlasse den Vorplatz. Die rauchenden Taxifahrer rauchen immer noch und klagen über die schlechten Zeiten, ein Stadtbus verschlingt ein paar Reisende und vor dem Kasino sehe ich eine Frau, die ihren Mann mit einer Handtasche verprügelt. „Du hast was gemacht…?“, schreit sie über den Platz. Alle ahnen, was er gemacht hat. Tante Heide hat das damals auch gemacht,  auch Prügel bekommen.

Deutschlandreise Berlin: Über das Schmatzen, den Schnodder, eine Zugreise und Karl Marx

Kekse und Süßwaren gibt es in Berlin

Münster, Hauptbahnhof. 15:34 Uhr. Regionalbahn Richtung Hamm. Gerüchte sagen, dass die Bahn langfristig versucht das Flexticket aus ihrem Angebot zu nehmen. Reisende sollen sich auf Zug und Zeit festlegen. So lassen sich Kapazitäten besser planen. Man ist den Aktionären nicht den Reisenden verpflichtet. Spontanität und Flexibilität sind gesellschafts-politisch erwünscht, aber werden von der Bahn blockiert. „Junge, alles geht den Bach runter“, sagte letztens Mutter, als ich über die Bahn schimpfte. Meine Mutter ist schon eine weise Dame, dachte ich da, was Blödsinn ist. Aber über die Bahn zu schimpfen, ist auch Blödsinn oder einfach langweilig.

Hamm, Hauptbahnhof. 15:57 Uhr. Weiter mit dem ICE nach Berlin. Im Bordbistro: Kaffee, Kaffee, Bier. Vor mir sitzt ein Herr, der zu seinem Salat mit Hähnchenbrustfilet ein Gläschen Wein nimmt. Seine feingeistigen Gesten lösen sich in Luft auf, als ich die Augen schließe und ihn schmatzen höre. Aus Respekt wird Ekel. Ich muss die Augen öffnen und mich auf anderes konzentrieren. Eine Freundin erzählte mir unlängst, dass sie nur noch die Fehler ihres Mannes wahrnimmt. Sein Schmatzen, Schlürfen, Schnarchen machen sie wahnsinnig. Früher hat sie das nie gehört. Jetzt nimmt sie nichts anderes mehr an ihm wahr. Letztens hat sie geträumt, dass sie ihm im Schlaf einen schweren Vorschlaghammer über den Schädel gezogen hat. „Ist das nicht schrecklich, so etwas zu träumen?“, fragte sie mich. Am Schlimmsten sei gewesen, dass danach endlich Ruhe war und sie schlafen konnte. „Ich habe meinen Mann erschlagen und mich danach neben ihm ins Bett gelegt und endlich ruhig geschlafen“, sagte sie. Ich muss daran denken, dass ich auch manchmal schnarche. Ich sollte den Vorschlaghammer wegräumen, wenn ich wieder in Münster bin.

Berlin, Hauptbahnhof, 19:11. Zwei Zigaretten vor dem Eingang, zweimal werde ich angesprochen und um eine kleine Geldspende gebeten, Zweimal lehne ich ab. Kaltfront Berlin. Es ist spürbar kälter in dieser Stadt. Nicht nur die Luft, auch das Miteinander. Ich habe Berlin noch nie gemocht. Das liegt aber an einer verkorksten Beziehung, die ich hier hatte, nicht an der Stadt. Doch die alte Liebelei hat mir die Stadt madig gemacht, Ich gönne mir für zwei Euro einen Kaffee, nehme zwei Milch und zwei Zucker und warte auf die S-Bahn. Straußberg Nord bis Ostkreuz. Ich schließe die Augen. Überall zieht man Rotze hoch, schnupft, hustet und röchelt. Im Radio sprachen sie heute von der Grippewelle, die Deutschland erfasst hat. Auch mich und viele S-Bahn Reisende hat sie erfasst. Ich bin Teil einer Welle.

24h Hostel. Neuköln. 19:40. Der Veranstalter des Poetry Slams hat mir ein Einzelzimmer reserviert. Das ist nicht selbstverständlich auf einem Slam. Aber ich bin ein Urgestein dieser Szene, da hat man hier und da Vorteile. Zum Beispiel ein Einzelzimmer. Ich werfe die Tasche aufs Bett, gucke mich kurz um. „Rauchen verboten. Fünfzig Euro Strafe.“ steht auf einem Schild an der Tür. Das ist billig. Ich habe auch schon Hotelzimmer gesehen, wo man bis zu 150 Euro Strafe fürs Rauchen bezahlen musste. Ich rauche trotzdem heimlich in den Zimmern. Wenn man aus dem Fenster raucht, riecht das niemand. Im 24h Hostel kennt man solche Tricks. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, so dass ich aufs Rauchen im Zimmer verzichten muss. Ein Grund mit dem Rauchen aufzuhören, ist für mich, den Demütigungen zu entkommen, denen Raucher täglich ausgesetzt sind.

U Bahnhof Neuköln. 19:55. U7 Richtung Rathaus Spandau. Eine Station bis zum Heimathafen, eine große Theater- und Konzertbühne, wo heute ein Poetry Slam stattfindet, ein Dichterwettstreit, bei dem das Publikum entscheidet, was gut und was schlecht ist.

U-Bahn Station Karl Marx Straße und am Ziel. Karl

Saalslam Berlin. Große Bühne für kleine Autoren

Marx feiert dieses Jahr seinen zweihundertsten Geburtstag. Im Mai 1818 wurde er geboren, hundert Jahre später die Oktoberrevolution und der Versuch seine Ideen in die Realität umzusetzen. Seine Anhänger im fanatischen Glauben, dass die Geschichte automatisch in den Sozialismus und später Kommunismus mündet. Die Geschichte vorherbestimmt. Das ist Fakt, sagen sie. Spinner sind das, sagt unter anderem Mutter.  Ich nehme mir fest vor, dieses Jahr mal was von dem Karl Marx zu lesen. Aus Respekt.

Der Slam selber eine Offenen Bühne mit eher schwachen Texten. Ich werde als Sieger gefeiert, kann mich aber nicht wirklich drüber freuen, da ich nur ein paar alte Texte vortrage und die Konkurrenz eher bescheiden ist. Warum macht man das bloß?, frage ich mich und nehme mir vor, dass es das letzte Mal war. Solche Vorsätze machen aber gar keinen Sinn.

Neuköln, 24h Hostel. 23: 30 Uhr. Später im Hostel sitze ich mit Döner und Fernbedienung auf dem Bett und gucke „Good bye Deutschland“. Zu Hause habe ich kein Privatfernsehen und so bin ich schnell gefesselt. Während mir Zwiebeln, Dönerfleisch, Soße und Rotkohl aus dem Brot aufs Bett fallen, versucht ein Auswanderer -Pärchen sein Glück in Thailand. Als sie schwanger wird, brechen sie das Projekt Auswanderung ab.  „Die medizinische Versorgung in Deutschland ist doch besser“, sagen sie. Vielleicht werden sie noch einmal auswandern, wenn ihre Tochter aus dem Haus ist. Vielleicht werden sie auch einer christlich- fundamentalistischen Sekte beitreten, denke ich und schlafe mit Socken und dicken Pullover auf dem großen Bett mit der kleinen Decke ein. Alles ist gut. Morgen fahre ich wieder nach Münster. Ich freue mich.

Über Paul Bocuse, Lineare Algebra und Bressehühnchen

„Paul Bocuse ist tot.“ Seltsam, welche Schlagzeilen bei einem hängen bleiben. Heute war es der Tod des Starkochs Paul Bocuse, der mir in der Zeitung entgegen sprang. Dabei ist mein Interesse an die gehobenen französischen Gastronomieküche ungefähr so ausgeprägt wie an die Lineare Algebra. Ich weiß, dass es sie gibt, habe aber absolut keine Ahnung, was man damit soll. Also der Paul Bocuse ist tot. Bei einem Kaffee forsche ich herum. Deutschlands beliebteste Tageszeitung rät heute zu Bocuse Lieblingsrezept, dem Bressehuhn, oder wer gerade kein Bressehuhn im Haus hat, nimmt einfach einen regionalen Gockel. Paul Bocuse ist tot. Der Starkoch sagte: „Ich würde alles genau so wieder machen. Drei Frauen, drei Bypässe, drei Sterne.“ Und natürlich würde er auch sein Bressehuhn wieder genauso machen. In der Wikipedia lese ich, dass das Bressehuhn wenigstens 10m² Platz für sich hat. Damit hat das Huhn mehr Platz als so mancher Student in Münster, was auch seinen hohen Preis erklärt. Paul Bocuse ist tot. Er stand für die Nouvelle Cuisine. Einfache Gerichte, regionale Küche ohne viel Schnick Schnack. Mit 91 Jahre ist er gestorben. Den Kochlöffel hatte er schon lange nicht mehr in der Hand. Er hatte Parkinson, die Schüttelkrankheit ließ ihn den Löffel nicht mehr ruhig halten. Aber ein Bocuse war ein Popstar. Wichtiger als das Kochen war der Gang an den Tisch der Gäste und die Frage, wie es denn schmeckt. Mit Bocuse wurde der Koch vom einfachen Malocher zum Künstler. Paul Bocuse ist tot. Mit dem Verlust der Lust steigt die Lust am gutem Essen, schrieb so oder so ähnlich Michel Houellebecq in einem seiner Romane. Also ran an den Kochlöffel, wenn es im Bett nicht mehr klappt oder auf nach Lyon in das Restaurant des Superhelden der Art Cuisine. Paul Bocuse ist tot. Der Papst der französischen Küche, der Einstein am Herd, das Aushängeschild der Nouvelle Cuisine, der Zeus der Köche. Spitzenköche weinen heute in ihr Coq au vin. Keine Tageszeitung, die sich nicht vor dem Koch des Jahrhunderts verneigt, ihm Superlative anhängt. Paul Bocuse ist tot. Einfachheit, Regionalität, frische Zutaten und vor allem die Kunst zu leben, waren seine Grundlinien. Sein Drei-Sterne-Restaurant L’Auberge du Pont de Collonges (oder einfach Bocuse) bei Lyon galt als Pilgerort für Gourmets aus aller Welt. Klar, die Einfachheit hat ihren Preis. Ein paar hundert Euro muss man auf den Tisch legen, um im Bocuse zu essen. Nur sein Chef, Paul Bocuse, der ist tot. Lecker Brathähnchen mit Kartoffelpüree, das war sein Ding. Im Bocuse heißt das: „Fricassee of Bresse chicken in cream sauce, morel mushrooms“. Fast am Ende des Nachrufs noch ein wenig die Suppe versalzen? Gerne. „Bonjour Monsieur, buckelt der Sarottimohr und weist die Stufen hinauf. Hier geht’s nicht zu Onkel Toms Hütte, sondern sie sind ante portas beim Number-one-Koch Paul Bocuse, der sich einen Neger als Grüßaugust hält“, schrieb vor vielen Jahren die TAZ über sein Restaurant und Paul Bocuse. Damit das aber nicht wirklich das Ende ist – man soll nicht schlecht über die Toten reden, sagt doch auch Mutter – hier mein Tipp für heute Abend: Gönnen Sie sich mal einen schönen Gockel mit Kartoffelpüree. Wenn ihr Hahn aus der Region kommt und vielleicht nicht ganz so schlecht lebte, sind sie nah bei dem Zeus der Küche. Es ist wirklich seltsam, was bei einem so hängen bleibt.

 

Deutschlandreise #3 – Haltern am See

Bahnhof Münster – Tor zur Welt

Mit der Eurobahn von Münster. Dreizehn Euro Siebzig für eine halbe Stunde Fahrt, Bahn Card Nutzung nicht möglich, da Verkehrsverbund. „Warum habe ich diese blöde Bahn Card überhaupt“, schimpfe ich mehr leise als laut. Im Zug Menschen in dicken Winterjacken, selbstgestrickten Schals und hippen Puddelmützen, auf dem Boden ein Teppich aus Matsch und in der Luft ein Aroma zwischen Schweiß und Pups. Für mich gibt es noch einen Platz zwischen WC und Ticketautomat. Eine ältere Dame guckt mich erwartend, ja fordernd an. Sie erwartet, ja fordert, dass ich ihr meinen Platz anbiete. Doch ich widerstehe: Man muss auch mal nein sagen können. Einfach mal wegschauen. Mutter sagt immer, Freundlichkeit macht nicht satt.

Also Klappsitz runter, Handy raus, Daumen drauf. Über mir ein Schimpfen einen älteren Dame, doch heute kann ich abschalten. Da eine Kurznachricht auf meinem Smartphone. BILD sagt: Wieder keine weiße Weihnacht. Ist das der Klimawandel? Kühles Bier statt heißem Glühwein? Mutter sagt: Damals hat es immer im Winter geschneit. Nicht so wie heute. Die Kinder kennen ja gar kein Schnee mehr. Die Kinder kennen sowieso gar nichts mehr. Außer Fernsehen und Gewalt.

Nächste Station Haltern am See. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Haltern am See: Tor ins Ruhrgebiet. Mancher erinnert sich: Vor ein paar Jahren das Flugzeugunglück. Ein Selbstmörder steuert eine Boing gegen die Alpen. In dem Flieger eine Schulklasse aus der Gegend. Abifahrt nach Barcelona. Man besuchte La Rambla, die Sagrada Família und die Fußballfans Camp Nou, Messis Heimatverein. BILD schrieb: Der Pilot war depressiv. Eine ganze Stadt trauert, ein ganzes Land trauert.

Wikipedia lehrt, ein Selbstmord ist entweder aktiv, passiv oder aktiv erweitert. Bei einem aktivem erweiterten Selbstmord nimmt man noch weitere Personen mit. Zum Beispiel: Ein kranker Katholik, der sich in einem Beichtstuhl während der Sonntagsmesse kurz vor der Kommunion in die Luft jagt und hierbei ein Rudel gläubige Christen mit ins Paradies nimmt, begeht einen aktiven erweiterten Selbstmord. Ein geisteskranker Diktator, der sich tot hungert, weil seine Hauptdirne verstorben ist und sein Volk gleich mit verhungern lässt, einfach kein Brot mehr gibt, begeht zum Beispiel passiven, erweiterten Selbstmord.

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen“, sagte Marie Antoinette. Diese Worte der berühmten französischen Königin haben nichts mit Selbstmord und Haltern am See zu tun, sind mir aber gerade in den Sinn gekommen. Er, der Satz, ist aber eine Fake News. Historiker sagen, sie hat das nie gesagt. Mutter sagt, glaub nicht alles, was du liest. Ne, glaube ich nicht.

Haltern am See. Tor ins Ruhrgebiet oder Tor ins Münsterland. Das ist ja Ansichtssache. Das kommt auf die Perspektive an, also Richtung. So spricht der Bochumer vom Tor zum Münsterland, der Münsteraner vom Tor ins Ruhrgebiet. Im Sommer ein großes Zusammentreffen und Begucken. Wer kein Geld für Nord-, Ost- oder Bodensee hat, schwimmt gerne ein paar Bahnen im Haltener See. Hier trifft Bergbau auf Schweinemast, Zeche auf Acker. Am See ähnlich viele Münsterländer wie Menschen aus dem Revier. Man gafft und staunt über die Kultur des Anderen: „Hast du den gesehen?“ „Ja, so was aber auch.“ „Sowas sieht man bei uns ja nicht“ „Ne, er in Tigerbadehose und die Alte dackelt demütig mit ihren Gören ein paar Meter hinter ihrem Macker her.“ „Ja, fünf Gören hatte die, die Jüngste vielleicht acht. Und alle am Rauchen.“ Man lästert und lächelt. Auf beiden Seiten.

Ein Bekannter eines Freundes kennt jemand, der hier wohnt. Jeden Tag pendelt der nach Münster. Arme Sau, denke ich, als ich in Haltern am See aussteige. Aber im Sommer ein See vor der Haustür. Man muss sich das Glas halbvoll vorstellen, nicht halbleer, dann geht es. Münster Marketing sagt: Münsterland, Toscana des Nordens. Das ist mal ein halbvolles Glas.

Über Montage, Handtrockner und die Bedeutung einer warmen Mahlzeit

Kalter Reis im Blechpott mit scharfem Huhn überm Teelicht

Münster. Montag, 8 Januar. Mittagspause. Ich sitze bei einem Chinesen oder Thailänder bestelle Reis mit Huhn. Manchmal bestelle ich auch Schwein mit Reis oder was anderes. Nur Fisch bestelle ich eigentlich nicht, weil ich nicht weiß, wo der Fisch herkommt und man den Leuten ja nicht unter den Rock gucken kann oder in die Küche.
Also ich bestelle Reis mit Huhn und gucke mich um. Hier und da sitzen ältere Herrschaften in dem Restaurant. Man unterhält leise über den Tisch hinweg; Einkaufstipps, Gerüchte über die Nachbarn, Besorgungen, die noch erledigt werden müssen. Über den Tisch hinweg wird getuschelt, geredet, geklärt.
„Einmal die Achtzehn. Bitte, der Herr. Guten Appetit wünsche ich.“ Der Tisch gegenüber bekommt sein Essen. Man konzentriert sich auf Reis mit Huhn oder Reis mit Ente. Genau lässt sich das von meinem Tisch nicht ausmachen.
„Geht es dir jetzt besser?“ Ein Mann nickt. „Bisschen besser.“ Seine Frau guckt erleichtert. Gott sein dank, es geht ihm besser, steht in ihrem Gesicht. Ja, Essen hilft, denke ich. Frei übersetzt,  sagten das schon die alten Ägypter. Und man braucht was Warmes im Bauch, das sagte schon meine Mutter. „Hast du heute was Warmes gehabt? Du weißt, wie wichtig es ist, was Warmes im Bauch zu haben?“, fragt sie immer. „Ja, Mutter“, sage ich dann, auch wenn ich gar nicht Warmes hatte. Ich weiß aber auch nicht, warum es wichtig ist, was Warmes im Bauch zu haben. Ich glaube, so einem Bauch ist es ganz egal, ob das Essen warm ist oder nicht.
Ich gehe mir kurz die Hände waschen, bevor der Reis mit Huhn, kommt. Ich habe das von Hause mitbekommen. Das sagt man so, dass man was von zu Hause mitbekommen hat. Ich habe mitbekommen, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht.
Tatsächlich kenne ich Restaurants und Gaststätten, wo man sich vorher nicht die Hände waschen möchte. Sie, die Händen, sind nachher gefühlt dreckiger als vorher, vom Gefühl dreckiger. Also wenn das Klo aussieht wie die WC Anlage auf der A1 Parkplatz Buddenkuhle, dann hat man so ein Gefühl von Dreck. Die Frau sagt immer, dass sie bestimmt wieder Herpes kriegt, nachdem sie auf solchen Klos war. Ich kriege kein Herpes auf solchen Klos. Ich kriege allerdings auch kein Herpes, habe ich noch nie bekommen. Man sagt, alle kriegen Herpes, aber bei manchen drückt sich das nicht äußerlich, über die Haut, aus. Bei mir drückt sich das Herpes nicht äußerlich aus.
Das Klo beim Thailänder oder beim Chinesen ist recht sauber. Hier kriegt auch die Frau kein Herpes, denke ich. Allerdings haben sie einen Fön für die Hände auf dem Klo. Ich lehne den Fön für die Hände ab. Seine Hände unter einen Fön zu halten, weil man Papiertücher sparen oder Stoffhandtücher nicht waschen möchte, empfinde ich als unangenehm. Ich nutze aber auch selten einen Haarfön. Föne sind keine Dinge, die ich vermissen würde, wenn es sie nicht gäbe. Ich würde auch den Erfinder des Föns nicht auf die Schulter klopfen und ihm für seine Erfindung danken. Der Fön ist für mich eine überschätzte Erfindung. Der Handfön sogar ein Unding. Der Handfön beim Chinesen oder Thailänder heißt Air Wolf, das soll wohl seine Stärke ausdrücken. Wegen dem Wolf im Namen. Ein Wolf ist ein starkes Tier. Der Air Wolf ist ein starker Hand Fön.
Als ich vom Händewaschen vor dem Essen zurückkommen, steht meine Bestellung schon auf dem Tisch. „Die Nummer Sechsundvierzig. Bitte, der Herr. Guten Appetit,“ ruft die chinesische oder thailändische Kellnerin. „Danke.“ Ich lasse es mir schmecken. Klappt aber nicht, weil es eben nicht schmeckt. Wenn sie mich nachher fragt, wie das Essen geschmeckt hat, werde ich sagen, dass das Huhn wenigstens dreimal getötet wurde, so zäh ist das. Und der Reis? Der ist kalt. Das werde ich nachher sagen, wenn man mich fragt. Und Trinkgeld gibt es auch nicht. „Trinkgeld? Niemals. Ich habe noch nicht mal etwas warmes im Bauch“, werde ich sagen, wenn man mich fragt. Ein Pluspunkt ist die Würze Man soll nicht nur schimpfen, sondern auch schauen, wo man loben kann. Das Essen ist scharf. Ein Extrapott scharfe Soße steht auf dem Tisch, um es noch schärfer zu machen.
Zu Hause habe ich auch eine scharfe Soße, mit der ich meine mißratenen Kochversuche zu retten versuche. Hier im chinesischen oder thailändischen Restaurant stehen die Pullen scharfe Soße auf jedem Tisch. Der Gast darf den kalten Reis gerne schärfen und das zweifellos tote Tier kann auch einen Schlag scharfe Soße vertragen. So geht es. Wenn es nicht schmeckt, mach es scharf. So kriege ich den Teller leer.
Ich winke nach der Rechnung, also der Kellnerin. Schwups steht eine Chinesin oder Thailänderin am Tisch.
„Hat es Ihnen geschmeckt, der Herr?“
„Sehr gut. Danke.“ Oh, ich verabscheue mich.
„12,40 Euro, bitte. Der Herr“
„Vierzehn, danke.“ Oh, wie ich mich verabscheue. Ich reiche ihr einen Zwanziger.
„Danke der Herr.“ Sie lacht, lacht mich aus und gibt mir auf Zwanzig heraus. Und ich? Ich schäme mich für meine Feigheit. Nicht in der Lage ihr die Wahrheit zu sagen. Auch noch die Lüge mit einem Trinkgeld unterstreichen. Ja, ich schäme mich. Und später gibt es auch noch Bauchschmerzen wegen der scharfen Soße. „Von so einer scharfen Soße hat man zweimal was“, sagt die Frau immer. Beim zweiten Mal werde ich mich daran wieder erinnern. Und schämen. Und der Reis war auch kalt. Noch nicht mal was Warmes im Bauch. Dabei ist das so Wichtig, was Warmes im Bauch zu haben, sagt Mutter immer. Gerade an einem Montag. Zu Beginn der langen Arbeitswoche braucht man was Warmes im Bauch. Ach Montag. Du …du Air Wolf.

150 Jahre jammern. Über die Sozialdemokratie und ihre Depressionen

Samstag, 9. Dezember 2017.  Jetzt muss die SPD also doch wieder ran. Die Republik braucht die Sozialdemokraten, um in unruhigen Zeiten Stabilität zu beweisen. Bock haben sie nicht. Wir erinnern uns: Sie wollten zu sich finden und in der Opposition wachsen, um wieder zeigen zu können, was sie denken, drauf haben.
Das können sie jetzt erst einmal vergessen, dieses „zu sich finden“. Die kontemplative Reise ins Innerste abgesagt. Exerzitien für die Genossen und Genossinnen gestrichen. Meditation hinter Klostermauern, Schweigegelübde inclusive, bis auf Weiteres verschoben.

Man wird gebraucht. Ja, ein armer Angestellter oder Beamter würde sich wegen eines Burn Outs beurlauben lassen, eine längere Auszeit nehmen, in Kur gehen. Die Partei und seine einzelnen Glieder können das nicht. Jetzt muss der seelisch, kranke Genosse seine letzten Kräfte mobilisieren und in eine weitere Groko gehen. Das steht für die Meisten innerhalb und außerhalb der SPD schon fest, dass die Groko kommt. Im Januar wird man da schon weit sein. Man kennt sich doch von früher. Ist ja nicht so, dass man nicht schon mal einen Latte zusammen getrunken hätte. Man weiß, wie der andere tickt.

Und der Preis? Danach wird der kranke Genosse und die kranke Genossin noch angeschlagener sein. Im Kopf vor allem. Vielleicht wird das sogar chronisch werden. Chronisch krank im Kopf. Das passiert, wenn man sich keine Auszeit erlaubt. Der Alptraum des Genossen: Noch mehr Wähler weg, wenn man den Weg Richtung Groko nimmt. Bedeutungslosigkeit, zittert der Sozialdemokrat. Nach der nächsten Koalition mit den Christdemokraten kann man das Volkspartei endgültig streichen. Von Arbeiterpartei redet schon niemand mehr. Das glaubt einem sowieso keiner.
Vielleicht muss man danach sogar hoffen, hier und da die 5 Prozent Hürde zu überspringen? Vielleicht fliegt man aus Landtagen? Aber was soll man machen? Man muss ja helfen. Wenn der Staat einen braucht, dann ist man da. Das war immer so. Man opfert sich für das Land. Und das Volk ist leider zu doof, die Erfolge der Sozialdemokratie zu sehen.

Ob das im Kaiserreich, in der Weimarer Republik oder damals unter dem Gerhard war. Immer hat man unliebsame Sachen durchgesetzt, um notwendige Reformen auf den Weg zu bringen, einen Krieg zu beenden, die Arbeiterklasse sozial abzusichern.

Und immer hat der dumme Wähler nur gesehen, was er sehen wollte, jammern sie im Willy Brandt Haus. Die Genossen verhökerten das Land in Versailles, vorher stachen sie den Soldaten den Dolch von hinten in den Rücken. Die Sozialdemokraten verbündeten sich mit Kaiser und Kapital. „Oben hui, unten pfui, so denkt der Arbeiter über uns“, klagen die Genossen. „Es ist doch genau anders herum“, jammern die Genossinnen. „Unten hui und oben pfui.“ Was sie nicht alles für die Menschen gemacht haben? Und wer dankt es? Sicher nicht der Arbeiter, diese untreue Pflaume.

„Echt gemein ist das“, murmelt der Martin. Immer wieder ist der Arbeiter zu doof, die Pflicht zu erkennen, die die Sozialdemokraten zu erfüllen haben. Auch jetzt wieder. „Ja, was gibt es denn für Alternativen?“, poltert die Andrea. „Neuwahlen?“ Was soll sich da ändern? Das wird nur noch Schlimmer für alle ausgehen. „Minderheitsregierung?“ Ein Land vier Jahre in der Warteschleife mit Feinden rechtsaußen, die nur darauf warten, das Land gegen die Wand zu fahren?

Es ist ihre Pflicht, murmelt der Martin. Der Herr Doktor sagte noch: „Junge, lass das. Bist nicht mehr der Jüngste.“ „Aber wenn die Pflicht ruft, was sollst du machen?“, sagt der Genosse. Leider hat man nach der Wahl etwas vorschnell gebrüllt, dass man jetzt erst mal sich finden will. „Erst mal Opposition“, schrie man. Hätte man weniger krakeelt, würde man wenigstens nicht wie ein kompletter Idiot aussehen.

Der Sozialdemokrat hat es wieder einmal am Schwersten. Kennt sie ja alles schon: Wenn mal beim Regieren was daneben geht, kriegen sie einen drauf, und wenn es ganz gut läuft, lobt einen auch keiner. „Das heimst sich dann die Merkel ein, diese Mitläuferin“, jammert der Sozialdemokrat nicht nur am Stammtisch, sondern gleich auch in den 20 Uhr Nachrichten.

Der alte sozialdemokratische Patient: das Schlimmste sind die Depressionen. Sie kommen immer wieder, diese depressiven Schübe. Und wenn sie jetzt mitregieren, so jammern sie, dann haben sie endgültig verloren.

Aber vielleicht einfach mal versuchen, nicht wie das fünfte Rad am Wagen zu wirken. Vielleicht einfach mal die Fresse aufmachen. Vielleicht einfach mal sagen, was man geschafft hat: „Hier Mindestlohn. Das waren wir.“ Einfach mal stolz sein. Könnten sie eigentlich. Weil die SPD hat eine Menge in den fast hundertfünfzig Jahren geschafft. Sie könnte stolz auf sich sein. Sie könnte mit erhobenen Haupt mit regieren, wenn sie nicht solche schlimmen Komplexe hätte.

Lesebühnenautoren – Nichts für das große Geschäft

Donnerstag, 9. November. 15:40 Uhr. Ich sitze in der Stadtbücherei Münster und schreibe. Ja, hier sitze ich gerne zum Schreiben. All diese Bücher, die Stille und die lesenden Menschen, all diese Inspiration, diese bibliophilen Geister. Ich stelle mir immer vor, sie leihen sich eines meiner Bücher aus (vielleicht „Herr Weber auf Safari“?), sitzen zu Hause auf ihrem Sofa, liegen in ihrer Badewanne oder in ihrem Bett und schmökern in meinem Werk.
Allerdings steht in der Stadtbücherei gar kein Buch von mir, weswegen es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich jemand ein Buch von mir ausleiht, um später darin zu schmökern. Einmal war ich bei einem Bekannten zu Besuch und er hatte eines meiner Bücher bei sich liegen. Allerdings nicht neben dem Bett, der Badewanne oder dem Sofa, sondern neben dem Klo lag mein Buch, der große Insider Tipp „Herr Weber auf Safari“. Ich habe ihn darauf angesprochen, was mein Buch denn auf seinem Klo macht. „Was macht denn mein Werk „Herr Weber auf Safari“ neben deinem Klo?“, habe ich gefragt. „Deine Geschichten haben genau die richtige Länge“, erklärte mir der Bekannte. Ich nickte. „Ach so. Genau die richtige Länge für deinen Klogang. Aha. Ja…, klasse“, sagte ich und überlegte, ob sie genau die richtige Länge für ein großes oder für ein kleines Geschäft haben. Sind es also Scheiß-Geschichten oder reichen sie meinem Bekannten noch nicht einmal dafür? Jedenfalls beschloss ich, diesen Bekannten von meiner Bekannten-Liste zu streichen. So nicht Freundchen, dachte ich, verabschiedete mich, ging noch mal auf sein Klo und klaute ihm das Buch, sein Besitz, mein geistig Eigentum „Herr Weber auf Safari“. Ich wollte und ich will kein Scheiß-Geschichten Autor sein.

Nein, ich bin kein Autor für das Große Geschäft. Nein, ich bin ein Lesebühnenautor. Ein Lesebühnenautor ist laut der Wikipedia ein Autor, der gewollt lustige, oft biografische Kurzgeschichten vor Publikum liest. Ein meist kleines Publikum, was sich oft aus dem näheren Bekanntenkreis des Autors zusammensetzt, sitzt vor den Lesebühnenautoren, trinkt Bier, viel Bier und grölt, wenn es was zu grölen gibt oder sie das Gefühl haben, dass man mal grölen sollte. Unsere Lesebühne hat nur sehr wenige Gröler, da meine Bekannten-Liste in den letzten Jahren sehr zusammengeschmolzen ist. Es besteht meistens nur aus der Bekannten-Liste meines Lesebühnenkollegen Micha El Goehre, die aber auch nur ein Listchen ist und vielleicht noch aus dem familiären Anhang unserer Gastleser. Wir sind also meistens unter uns, wenn man vom Techniker und der Kassenkraft absieht. Das ist aber nicht traurig, weil wir einfach die Bühnenscheinwerfer so grell stellen, dass wir gar nicht mitbekommen, ob jemand vor uns sitzt. Der Techniker spielt am Anfang der Lesebühne immer einen Applaus ein und nach jeder gelesenen Geschichte kriegen wir Zugabe-Rufe per Audio Datei. Technisch ist da mittlerweile soviel möglich, da merkt man gar nicht, dass man eigentlich alleine im Raum sitzt.
Nein, alles gut. Wer ich bin? Ich habe eine Antwort auf diese Frage: Ich bin Lesebühnenautor. Ein Lesebühnenautor unterscheidet sich von einem normalen Autor durch seine ausgetüftelte Performance, Geschichten vorzulesen. Das können wir: Geschichten vorlesen. Da können wir noch so einem im Kahn haben, lesen geht immer. Da werden Satzzeichen mit Mimik und Gestik auf den Punkt gebracht, Rhythmen eingebaut, Betonungen betont, Satzmelodien gesungen. Da macht die Zunge einen doppelten Flick Flack im Mund, um dann mit Wörter wie Authentizität oder Bahndammbrandmann vor dem Zuhörer zu jonglieren, dass ihnen ganz schwindlig wird.
Und jetzt? Jetzt sitze ich in der Stadtbücherei und schreibe. Vor mir steht ein Mädchen. Sie ist vielleicht Ende Zwanzig, trägt langes blondes Haar, Turnschuhe, Blue Jeans und Kapuzenpulli. Sie steht zwischen Kunst der Antike, Schwerpunkt Griechenland und frühchristliche Kunst/ germanische Kunst/ Ikonografie. Eine Kunsthistorikerin also. Ich stelle mir vor, dass sie sich mein Buch ausleiht und zu Hause auf dem Sofa, dem Bett oder in der Badewanne durch meine Seiten schmökert. Ich stelle mir vor, dass sie dabei nur ein dünnes Hemdchen trägt, weil meine Geschichten ihr richtig einheizen. In der Badewanne trägt sie sogar gar nichts. Ich stelle mir ganz viel immer vor. Ich habe Phantasie. Muss ich auch haben. Da braucht es viel Phantasie, um sich das schön zu reden oder schreiben. Ich bin Autor, Lesebühnenautor. Ich bin nichts fürs große Geschäft und auch nichts für Kunsthistorikerinnen in Büchereien. Ne, ne, mein Werk steht hier nämlich nicht. Noch nicht. Irgendwann. Ich habe viel Phantasie.