Über Miesepeter, das Klima und die große Weltverschwörung

Münster,  10. Oktober, 13 Uhr. Im Radio sprechen sie davon, dass es der wärmste Herbst aller Zeiten wird oder wenigstens seit Beginn der Zeitmessung. Gerade hatten wir erst den wärmsten Sommer, davor den wärmsten Frühling, da schließt sich der Herbst doch gut an. Seit Monaten hat es hier nicht mehr ausgiebig geregnet. Immer mal wieder gab es einen Schauer, aber schnell waren die paar Tropfen versickert und vergessen und ein blauer Himmel vertrieb die düsteren Gedanken, dass dort was nicht stimmen könnte.

Karl B. aus M. sagt: „Du Miesepeter.“ Er meint, es ist eben auch schön, dieses Wetter. In den Straßencafé genießen die Bürger ihren goldenen Herbst bei einer Latte mit Schokostreuseln oder sogar einem Eiskaffee mit Sahnehäubchen. „Wann gab es denn schon mal sowas? Sei doch nicht immer so eine Miesepeter“, sagt Karl B. aus M., wenn ich erzähle, dass ich das Wetter nicht normal finde, mir Regen wünsche. Er findet es auch nicht normal, aber gleich vom Weltuntergang sprechen, den Diesel verbieten und die Kohle verbannen. „Junge“, sagt er. „Du hast doch studiert.“ Was wirklich ein seltsames Argument ist, dieses studieren. Jedenfalls verstehe ich das Argument nicht. Muss ich auch nicht, denn Karl B. aus M. gibt es nur in meinem Kopf und in diesem Text ist er kurzzeitig real. Aber es gibt andere, die realer sind als Karl B. aus M., und dann gibt es da noch die AFD. Sie ist sehr real und sie sehr seltsame Antworten auf meine Fragen und Ängste.

Die Aussagen des Weltklimarats, dass Klimaänderungen vorwiegend menschengemacht seien, sind wissenschaftlich nicht gesichert, schreiben sie kurz und bündig auf ihrer Seite. Sie basieren allein auf Rechenmodellen, die weder das vergangene noch das aktuelle Klima korrekt beschreiben können. (afd.de Energie und Klima

Zwei Sätzen ist der AFD meine Klimaangst wert, dabei stehen sie doch so auf Ängste. Aber bitte nicht bei Dingen, die schon immer funktioniert haben, sagen sie.

So ein AFD Wähler hat es schon gut. Der ist eben kein Miesepeter. Weiter so, Bergmann, denkt er, der AFD Wähler. Lass dir von den Grünen und der Merkel nichts sagen, liebes Vaterland, schreien sie auf der Straße. Hambacher Wald abholzen! Braunkohle für alle. Wie lassen uns unseren Diesel nicht verbieten, sagen sie.

Jeder fünfte Wähler ist ein AFD Wähler. Jeder fünfte Stimme unterstützt diese Meinung.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Die Affen halten sich alles zu, was man sich zu halten kann. Uns was man doch mitbekommt? Das ist Lügenpresse, Weltverschwörung und Angriff von Außerirdischen. Schöne einfache Welt.

Über meine Generation

Sonntag, 7 Oktober 2018. Nachmittags treffe ich vor einer Bäckerei Frank. Er steht in einem kleinen Pulk von Menschen und hat einen Aufkleber mit seinem Namen auf dem Pullover geklebt. Er erzählt mir, dass ich es hier mit der Sarah Wagenknecht Geschichte „Aufstehen“ zu tun habe. Ein erstes Treffen in Münster. Als ich wohl zu neugierig gucke, bietet er an, mir die Facebook Seite zu schicken. Darüber tauscht man sich aus und darüber ist auch das erste Treffen zustande gekommen. Gegenüber der Bäckerei im Cafe eines alten Kinos.

Ich kaufe meinen Kuchen und überlege, ob ich mich jetzt auch noch engagieren möchte und schäme mich sogleich für den Gedanken. Sieben Staffeln Suits, eine langweilige amersikanische Rechtsanwaltsserie bekifft den ganzen Tag gucken und keine Zeit haben, online eine Petition zu unterschreiben, dass zum Beipiel der Hambacher Forst bleiben muss. So einer nennt sich links im Geiste, schimpfe ich tief in meinem Kopf. Aber ganz weit im Geiste. Ganz weit in meinem Kopf.

Die meisten alten Straßen – Recken für Menschenrecht, Umwelt und Liebe haben aufgegeben. Ihre Zwei Kinder Familien, ihr kleines Glück erlauben kein politisches Engagement, wenn es nicht wenigstens ein wenig Gold oder Anerkennung dafür gibt. Sogar die Damen und Herren Autoren und Künstler machen keinen Handschlag aus Nächstenliebe oder für Muttererde. Das eigene Krönchen muss wenigstens von allen Seiten geputzt werden. Und eigentlich sollte man nichts für lau machen, sagen sie. Dann kommen morgen alle an und wollen, dass man umsonst spielt, liest oder rumhopelt, sagen sie. Habe ich sicher auch mal gesagt.

Gedankenspiel: Stellen sie sich vor, sie machen es gerne für eine gute Sache umsonst, aber die gute Sache kann auf ihre Hilfe verzichten. Dann weinen Sie auch wieder.

Wer hat sich in meiner Generation überhaupt engagiert. Wir waren die Generation Golf, Praktikum, Internet, die neue Pop Literatur und Ich-Ag. Wie waren uns selber am Wichtigsten. Meine Generation ging nur zur Love Parade auf die Straße. Naja, irgendwie ehrlich.

Über Rentner, die von Rollatoren erschlagen werden (Die wahre Geschichte)

Es war ein heißer Tag in Fußgängerzone Bochums. Auf dem glühenden Asphalt flimmerte die Luft. Bei diesem Wetter sollte man mit Freunden das Freibad genießen oder ein kühles Getränk im Schrebergarten oder auf Bad Balkonia zu sich nehmen. In den Nachrichten rieten die Moderatoren, zu Hause zu bleiben. „Obacht! Hitzealarm!“, sagten sie. Wer Probleme mit Hitze hat, solle die Fenster verhängen, sich zu Hause in seinem Sessel ein wenig Ruhe gönnen, warten bis die schlimmste Mittagshitze vorbeigezogen ist, empfahlen die Wetterfrösche.

Eine Rentnerin hat die Meldungen nicht gehört oder nicht hören wollen. Ein wenig später war sie tot. Mord. Der Mörder, ein Asylant. Ein Ausländer.

Hintergrund: Die Rentnerin Elisabeth Schulze Erdel konnte heute nicht zu Hause warten. Sie hatte Hummeln im Po. Sie musste dringende, wichtige Einkäufe in der Stadt erledigen. Am nächsten Wochenende feierte ihr Lieblings-Enkel Wolfgang Schulze Erdel aus Bottrop seinen achtzehnten Geburtstags und Oma Elisabeth, wie sie liebevoll von allen, die sie kannten, genannt wurde, wollte ihrem Wolli in der Stadt noch ein paar Geschenke kaufen. Sonst würde Elisabeth Schulze-Erdel sicher nicht auf die Idee kommen, bei der Hitze rauszugehen. Hatte der Arzt ihr nicht geraten, gerade im Sommer es Ruhig angehen zu lassen. „Ihr Herz, liebe Frau Schulze-Erdel, ihr Herz, es ist nicht mehr das Jüngste. Frau Schulze Erdel. sie sind keine Achtzehn mehr. Auch wenn man ihnen sicher nicht ihre Jahre ansieht, sollte sie ihrem Arzt vertrauen“, scherzte noch gestern ihr Hausarzt.

Aber was machte Oma Elisabeth nicht alles für ihren Enkel, der ihr schon vor drei Jahren einen Urenkel geschenkt hatte? Welche Oma darf das heute noch erleben, Ur-Oma werden?

Auf jeden Fall war Frau Schulze Erdel gerade mit ihrem Rollator, einem Drive Medical Rollator Nitro, in der Fußgängerzone zwischen Karstadt und Kaufhof Sie überlegte, ob sie sich vor dem Kauf einer neuen Armbanduhr für ihren Enkel noch eine Bratwurst gönnen sollte, als plötzlich ein fremdländisch aussehender Mann ihren Weg kreuzte und sie anrempelte. Hä, schrie Frau Schulze-Erdel, die nicht wusste, wie ihr geschah. Doch statt sich für seinen Rempler zu entschuldigen, rempelte der fremdländisch aussehende Mann sie ein zweites Mal an, so dass sie auf den Popo plumpste. Und plötzlich passierte es: Ein Mord am helllichten Tag. Der Mann, der scheinbar drogensüchtig war, so nimmt heute die Staatsanwaltschaft an, nahm sich den Rollator, einen modernen Drive Medical Rollator Nitro, und schlug ihn Frau Schulze Erdel auf den Hinterkopf. Danach schnappte er sich den Drive Medical Rollator Nitro, der auch gebraucht noch gute Preise erzielt, und flüchtete in den Kaufhof hinein, wo er sich scheinbar verstecken wollte.

Doch die Flucht mißglückte. Im Kaufhaus wurde er glücklicherweise sofort von diversen Passanten und einem Kaufhausdetektiv gestellt. Sie sperrten den drogensüchtigen Ausländer in eine Damenumkleide und eine Verkäuferin „Oberhemden und Damenunterwäsche“ rief die Polizei.
Wäre die Polizei nicht schnell genug dagewesen, man weiß nicht, wie weit die Wut der Passanten gegangen wäre. Der drogensüchtige, lumpig aussehende Ausländer bekam den ganzen Hass der Passanten zu spüren. Du dreckiger Ausländer, brüllten sie. Ich will auch spuken, riefen sie.

Später stellte es sich heraus.: Es war natürlich ein Wirtschaftsflüchtling. Nachdem sein Antrag auf Urlaub in der Hängematte Deutschlands gescheitert war, ist er ausgerastet. Die Staatsanwalt berichtete heute unserer Zeitung, dass der dreckige Ausländer am Morgen seinen ablehnenden Asylbescheid bekommen hatte. Aus Hass auf Amt und Beamte ging er ihn die Stadt und beschloss, eine wehrlose Dame zu verletzen, die zu ihrem Unglück Oma Elisabeth hieß.

Einen Tag danach. Wir fragen: Wie lange noch? Müssen erst noch weitere Rentnerinnen von Rollatoren erschlagen werden. Was kommt als Nächstes? Werden unsere Kinder bald von afrikanische Drogendealern unterrichtet? Ist der Afrikaner dabei, unsere deutsche Kultur zu übernehmen.

Lesen sie nächste Woche: Hunderkrieg in Berlin: Rumänischer Mischling beklaut deutschen Schäferhund. Mütter protestieren: Asylbewerber wirbt für Kinderschokolade.

SCHWARZ ROT GOLD

Der Adi hat seine Flagge und den ganzen Krempel jetzt wieder reingeholt. „Wo die Deutschen wieder einmal so im Osten versagt haben, muss ich nicht auch noch Flagge zeigen“, erklärt Adi gerne, wenn jemand fragt, und irgendeiner fragt ja immer. Dabei hatte sich Adi so Mühe mit dem Haus- und Hofschmuck gegeben. Sein Auto hatte zwei kleine Fähnchen im Fenster, die Seitenspiegel waren mit Deutschlandüberzieher versehen, in seinem Garten hisste er an einem 10 Meter Fahnenmast Schwarz Rot Gold und in jedem Fenster hing wenigstens ein kleiner Deutschlandwimpel. Der Adi war der zwölfte Mann in Russland, also eigentlich hinterm Fernseher, aber dort schrie er bis nach Russland.

Aber ach, hat alles nichts genützt. Der Deutsche hat im Osten wieder versagt, betont Adi, wenn man ihn fragt und irgendeiner fragt ja immer. Der Deutsche kann den Osten einfach nicht. Adi weiß das. Adi hat Bücher gelesen, wo das drinnen steht. Der deutsche Plan im Osten neue Gebiete für das Volk zu annektieren, ist im 20. Jahrhundert zweimal schön daneben gegangen, schreiben deutsche Wissenschaftler in deutschen Büchern, die über deutsche Verlage vertrieben werden.

Das erzählt Adi gerne jeden, der danach fragt und irgendjemand fragt ja eigentlich immer.

Nein, jetzt wird nicht mehr Flagge gezeigt, auch wenn Adi stolz auf seine Flagge ist. Seit 2006 darf der Deutsche nämlich wieder Flagge zeigen, weil er so ein klasse Gastgeber war.

„Du, der Deutsche, der hat sich verändert. Die Kartoffel ist richtig nett geworden.“ Solche Sätze haben die Ausländer im Sommer 2006 gesagt, als die ganzen Ölaugen, Neger und Itaker Adi und die anderen Deutschen besucht haben. Das war ein Jahr. Adi kriegt immer Tränen in die Augen, wenn er daran denkt, wie schön das war. Weltmeister wurde man nicht, aber man gezeigt, dass es den guten Deutschen gibt. Und auch der Adi ist in Guter. Ein guter Deutscher. Auch der Adi isst gerne mal einen Döner oder zwei. Und Pizza. Die Pizza ist für den Adi eigentlich schon so normal wie eine anständige Currywurst. Da fängt nämlich Gastfreundschaft an. Auch mal das Fremde zulassen. Ja, und der Adi weiß, die Internationale Küche zu schätzen. Mach scharf, sagt er gerne, zu seinem Lieblings-Dönermann und der Dönnermann kann scharf, das glaube mal. Das betont der Adi auch gerne, das der Dönermann scharf kann, wenn man ihn fragt, und irgendeiner fragt ja immer.

1936 bei den Olympischen Spielen hat der Deutsche auch gezeigt, dass er ein guter Gastgeber war. Damals durfte auch der Neger aus Amerika mitspielen, da hat niemand was gesagt. Heute spielt der Neger sogar bei den Deutschen mit, da sagt natürlich der ein oder andere was. So als Nachbar möchte man ihn ja nicht haben, den Neger, sagt der ein oder andere leise. Weil das darf man wohl noch sagen, sagt man, wenn man das eigentlich nicht sagen darf. Neger, Neger, denkt Adi und lacht. „Lieber Neger, seien sie uns willkommen, aber nicht als Nachbar“, sagt ein Kollege von Adi immer. Der Spinnemann. Wie der Gauland. Auch so ein Spinnemann. Da muss sogar Adi lachen, wenn der Kollege so Späßchen macht. Aber heute ist Adi nicht nach Späßchen. Ne, Adi ist traurig. Jetzt auch noch die Schande von Russland. Um wer ist schuld? Viele. Der Osten. Der Neger. Die beiden Türken. Die Merkel. Und die Grünen sowieso. Die Windbeutel.

Naja, Adi hängt die Flagge ab. Und Montag,, wenn der Seehofer die Merkel richtig in den Popo … dann steht der Adi mit an der Grenze, Flüchtlinge kloppen.

Über dumme Menschen

Obacht Bürger! Münsters hat mit sinkenden Käuferzahlen in der guten Stube zu kämpfen. Münsters Einzelhandel geht den Bach runter.  In einem Leserbrief, verfasst von einer Monika R. aus dem Pendler-Dorf O., werden jetzt die wirklichen Gründe benannt.

Obacht! Es sind einmal nicht die Online Shops, die dem traditionellen Händler in der Stadt des Westfälischen Friedens den Krieg erklärt haben – heute geht es nicht gegen Amazon, Zalando und Co.

Obacht! Heute sind es auch nicht die zahlreichen Events, welche die Provinzhauptstadt in einen Vergnügungspark verwandeln. Natürlich machen sie dem Kaufmann das Leben schwer, da wir beim zu Tode Vergnügen gerne eine 1-Meter Bratwurst verspeisen, aber nicht unbedingt ein klassisches Porzellan Service erwerben.

Nein, heute steckt der Teufel mal nicht im Online Handel oder im Freizeitpark Deutschland. Nein, heute sind es die Horden marodierender Radfahrer, die täglich über Münsters Straßen jagen, die der Kaufmannschaft, den Erben der alten Hanse, den Garaus bereiten.1

Monika R. weiß in ihrem Leserbrief, von traumatisierten Besucher der Friedensstadt zu berichten, die einmal in der Innenstadt ausgesetzt, ängstlich sich an Mauerwände drückten, um sich gegen den Fahrradfahrer zu schützen. Zu Hilfe. Zu Hilfe, stand auf den Lippen dieser fremden Besucher, so Monika R. aus dem monothematischen Pendler-Dorf O.

Jetzt will man dem Schrecken jedes Autofahrer auch noch die Vorfahrt auf so mancher klassischer Autostraße schenken. Monika R. sagt: „Obacht! Die Situation ist völlig außer Kontrolle.“ Heute fragt die Leserin und besorgte Bürgerin zu Recht: „Und was kommt als Nächstes?“

Erst wenn der letzte Diesel verschrottet, das letzte Kohlekraftwerk abgestellt und wir auf jedem Hügel eine Windkraftanlage gestellt haben, werden wir erkennen, das der wahre Teufel Bio isst, so die Leserin Monika R. aus dem Vorgarten- und Carport- Paradies O.

Ich sage: „Monika R., du hast Recht. Bald wird der letzte Autofahrer Deutschland den Rücken kehren. Und ich hoffe, er nimmt dich mit.

1

Der Ausdruck Garaus entstand aus dem Ruf „gar aus!“ (vollständig aus!), der im 15. Jahrhundert in Süddeutschland die Polizeistunde ankündigte. Später erhielt der Begriff allgemein die Bedeutung Ende. Heute wird er nur noch in der Wendung „jemandem/etwas den Garaus machen“ (jemanden töten oder vernichten, einer Sache ein Ende bereiten) verwendet

Deutschlandreise #5 – Osnabrück Bahnhofsvorplatz

Osnabrück Hauptbahnhof. Zwanzig Minuten bis mein Zug kommt. Ich setze mich auf den Vorplatz beobachte Land und Leute. Der Platz schneidet gut im Vergleich zu anderen Bahnhofsvorplätzen ab. Keine Hauptstraße direkt vor der Tür, sondern nur ein paar Bänke, Bäume, Bushaltestationen und der obligatorische Taxistand. Ein paar Fahrer stehen vor ihren Autos, rauchen, unterhalten sich über die schlechten Umsätze. „Früher war alles besser“, sagen sie. „Früher war alles besser“, sagte ich schon vor zwanzig Jahren, als Taxifahrer mein Beruf war.

Auf dem Vorplatz ein wenig Kunst aus Metall. Auf Kreisverkehren, Bahnhofsvorplätzen und Autobahnabfahrten stehen oft riesige Metallskulpturen. Die Lücke mit ein wenig Kunst füllen, das dient der kulturellen Bildung unserer deutschen Staatsbürger und macht ein gutes Bild vor unseren ausländischen Gäste. Gerne zeigt man im Öffentlichen Raum, in Veraltwaltungen und in Bankhäusern auch Kunst von Kindern, die sich zu einem Thema wie Krieg oder Umweltverschmutzung Gedanken gemacht haben. Natürlich nicht im Kreisverkehr oder auf Autobahnabfahrten, aber wenn was mit Kindern geht, werden ihre Arbeiten gerne genommen. Wir sind ein kinderfreundliches Land, sagen diese Bilder. Auf dem Vorplatz Osnabrück Hauptbahnhof aber eine Metallskulptur. Kunst, die nicht weg weht und auch nicht so schnell durch Rabauken beschädigt werden kann. Hier geht leider nichts mit Kindern.

Rund um den Bahnhofsvorplatz die typischen Bahnhofsvorplatz-Dienstleister und Geschäfte. Ein Kebabhaus neben einem Drogeriemarkt, ein McDonald neben der Post, es folgen Hotels für jeden Geldbeutel und ein Cinestar Kinokomplex. Im Hintergrund ein Spielkasino, wofür Osnabrück bekannt ist. Tante Heide hat hier mal ihre schmale Sozialhilfe verzockt, was ihre Stellung in unserer Sippschaft nicht gerade aufgewertet hat.

Osnabrück Hauptbahnhof. Noch zwei Minuten bis meine Bahn kommt. Ich schulter meinen Rucksack und verlasse den Vorplatz. Die rauchenden Taxifahrer rauchen immer noch und klagen über die schlechten Zeiten, ein Stadtbus verschlingt ein paar Reisende und vor dem Kasino sehe ich eine Frau, die ihren Mann mit einer Handtasche verprügelt. „Du hast was gemacht…?“, schreit sie über den Platz. Alle ahnen, was er gemacht hat. Tante Heide hat das damals auch gemacht,  auch Prügel bekommen.

Deutschlandreise Berlin: Über das Schmatzen, den Schnodder, eine Zugreise und Karl Marx

Kekse und Süßwaren gibt es in Berlin

Münster, Hauptbahnhof. 15:34 Uhr. Regionalbahn Richtung Hamm. Gerüchte sagen, dass die Bahn langfristig versucht das Flexticket aus ihrem Angebot zu nehmen. Reisende sollen sich auf Zug und Zeit festlegen. So lassen sich Kapazitäten besser planen. Man ist den Aktionären nicht den Reisenden verpflichtet. Spontanität und Flexibilität sind gesellschafts-politisch erwünscht, aber werden von der Bahn blockiert. „Junge, alles geht den Bach runter“, sagte letztens Mutter, als ich über die Bahn schimpfte. Meine Mutter ist schon eine weise Dame, dachte ich da, was Blödsinn ist. Aber über die Bahn zu schimpfen, ist auch Blödsinn oder einfach langweilig.

Hamm, Hauptbahnhof. 15:57 Uhr. Weiter mit dem ICE nach Berlin. Im Bordbistro: Kaffee, Kaffee, Bier. Vor mir sitzt ein Herr, der zu seinem Salat mit Hähnchenbrustfilet ein Gläschen Wein nimmt. Seine feingeistigen Gesten lösen sich in Luft auf, als ich die Augen schließe und ihn schmatzen höre. Aus Respekt wird Ekel. Ich muss die Augen öffnen und mich auf anderes konzentrieren. Eine Freundin erzählte mir unlängst, dass sie nur noch die Fehler ihres Mannes wahrnimmt. Sein Schmatzen, Schlürfen, Schnarchen machen sie wahnsinnig. Früher hat sie das nie gehört. Jetzt nimmt sie nichts anderes mehr an ihm wahr. Letztens hat sie geträumt, dass sie ihm im Schlaf einen schweren Vorschlaghammer über den Schädel gezogen hat. „Ist das nicht schrecklich, so etwas zu träumen?“, fragte sie mich. Am Schlimmsten sei gewesen, dass danach endlich Ruhe war und sie schlafen konnte. „Ich habe meinen Mann erschlagen und mich danach neben ihm ins Bett gelegt und endlich ruhig geschlafen“, sagte sie. Ich muss daran denken, dass ich auch manchmal schnarche. Ich sollte den Vorschlaghammer wegräumen, wenn ich wieder in Münster bin.

Berlin, Hauptbahnhof, 19:11. Zwei Zigaretten vor dem Eingang, zweimal werde ich angesprochen und um eine kleine Geldspende gebeten, Zweimal lehne ich ab. Kaltfront Berlin. Es ist spürbar kälter in dieser Stadt. Nicht nur die Luft, auch das Miteinander. Ich habe Berlin noch nie gemocht. Das liegt aber an einer verkorksten Beziehung, die ich hier hatte, nicht an der Stadt. Doch die alte Liebelei hat mir die Stadt madig gemacht, Ich gönne mir für zwei Euro einen Kaffee, nehme zwei Milch und zwei Zucker und warte auf die S-Bahn. Straußberg Nord bis Ostkreuz. Ich schließe die Augen. Überall zieht man Rotze hoch, schnupft, hustet und röchelt. Im Radio sprachen sie heute von der Grippewelle, die Deutschland erfasst hat. Auch mich und viele S-Bahn Reisende hat sie erfasst. Ich bin Teil einer Welle.

24h Hostel. Neuköln. 19:40. Der Veranstalter des Poetry Slams hat mir ein Einzelzimmer reserviert. Das ist nicht selbstverständlich auf einem Slam. Aber ich bin ein Urgestein dieser Szene, da hat man hier und da Vorteile. Zum Beispiel ein Einzelzimmer. Ich werfe die Tasche aufs Bett, gucke mich kurz um. „Rauchen verboten. Fünfzig Euro Strafe.“ steht auf einem Schild an der Tür. Das ist billig. Ich habe auch schon Hotelzimmer gesehen, wo man bis zu 150 Euro Strafe fürs Rauchen bezahlen musste. Ich rauche trotzdem heimlich in den Zimmern. Wenn man aus dem Fenster raucht, riecht das niemand. Im 24h Hostel kennt man solche Tricks. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, so dass ich aufs Rauchen im Zimmer verzichten muss. Ein Grund mit dem Rauchen aufzuhören, ist für mich, den Demütigungen zu entkommen, denen Raucher täglich ausgesetzt sind.

U Bahnhof Neuköln. 19:55. U7 Richtung Rathaus Spandau. Eine Station bis zum Heimathafen, eine große Theater- und Konzertbühne, wo heute ein Poetry Slam stattfindet, ein Dichterwettstreit, bei dem das Publikum entscheidet, was gut und was schlecht ist.

U-Bahn Station Karl Marx Straße und am Ziel. Karl

Saalslam Berlin. Große Bühne für kleine Autoren

Marx feiert dieses Jahr seinen zweihundertsten Geburtstag. Im Mai 1818 wurde er geboren, hundert Jahre später die Oktoberrevolution und der Versuch seine Ideen in die Realität umzusetzen. Seine Anhänger im fanatischen Glauben, dass die Geschichte automatisch in den Sozialismus und später Kommunismus mündet. Die Geschichte vorherbestimmt. Das ist Fakt, sagen sie. Spinner sind das, sagt unter anderem Mutter.  Ich nehme mir fest vor, dieses Jahr mal was von dem Karl Marx zu lesen. Aus Respekt.

Der Slam selber eine Offenen Bühne mit eher schwachen Texten. Ich werde als Sieger gefeiert, kann mich aber nicht wirklich drüber freuen, da ich nur ein paar alte Texte vortrage und die Konkurrenz eher bescheiden ist. Warum macht man das bloß?, frage ich mich und nehme mir vor, dass es das letzte Mal war. Solche Vorsätze machen aber gar keinen Sinn.

Neuköln, 24h Hostel. 23: 30 Uhr. Später im Hostel sitze ich mit Döner und Fernbedienung auf dem Bett und gucke „Good bye Deutschland“. Zu Hause habe ich kein Privatfernsehen und so bin ich schnell gefesselt. Während mir Zwiebeln, Dönerfleisch, Soße und Rotkohl aus dem Brot aufs Bett fallen, versucht ein Auswanderer -Pärchen sein Glück in Thailand. Als sie schwanger wird, brechen sie das Projekt Auswanderung ab.  „Die medizinische Versorgung in Deutschland ist doch besser“, sagen sie. Vielleicht werden sie noch einmal auswandern, wenn ihre Tochter aus dem Haus ist. Vielleicht werden sie auch einer christlich- fundamentalistischen Sekte beitreten, denke ich und schlafe mit Socken und dicken Pullover auf dem großen Bett mit der kleinen Decke ein. Alles ist gut. Morgen fahre ich wieder nach Münster. Ich freue mich.

Über Paul Bocuse, Lineare Algebra und Bressehühnchen

„Paul Bocuse ist tot.“ Seltsam, welche Schlagzeilen bei einem hängen bleiben. Heute war es der Tod des Starkochs Paul Bocuse, der mir in der Zeitung entgegen sprang. Dabei ist mein Interesse an die gehobenen französischen Gastronomieküche ungefähr so ausgeprägt wie an die Lineare Algebra. Ich weiß, dass es sie gibt, habe aber absolut keine Ahnung, was man damit soll. Also der Paul Bocuse ist tot. Bei einem Kaffee forsche ich herum. Deutschlands beliebteste Tageszeitung rät heute zu Bocuse Lieblingsrezept, dem Bressehuhn, oder wer gerade kein Bressehuhn im Haus hat, nimmt einfach einen regionalen Gockel. Paul Bocuse ist tot. Der Starkoch sagte: „Ich würde alles genau so wieder machen. Drei Frauen, drei Bypässe, drei Sterne.“ Und natürlich würde er auch sein Bressehuhn wieder genauso machen. In der Wikipedia lese ich, dass das Bressehuhn wenigstens 10m² Platz für sich hat. Damit hat das Huhn mehr Platz als so mancher Student in Münster, was auch seinen hohen Preis erklärt. Paul Bocuse ist tot. Er stand für die Nouvelle Cuisine. Einfache Gerichte, regionale Küche ohne viel Schnick Schnack. Mit 91 Jahre ist er gestorben. Den Kochlöffel hatte er schon lange nicht mehr in der Hand. Er hatte Parkinson, die Schüttelkrankheit ließ ihn den Löffel nicht mehr ruhig halten. Aber ein Bocuse war ein Popstar. Wichtiger als das Kochen war der Gang an den Tisch der Gäste und die Frage, wie es denn schmeckt. Mit Bocuse wurde der Koch vom einfachen Malocher zum Künstler. Paul Bocuse ist tot. Mit dem Verlust der Lust steigt die Lust am gutem Essen, schrieb so oder so ähnlich Michel Houellebecq in einem seiner Romane. Also ran an den Kochlöffel, wenn es im Bett nicht mehr klappt oder auf nach Lyon in das Restaurant des Superhelden der Art Cuisine. Paul Bocuse ist tot. Der Papst der französischen Küche, der Einstein am Herd, das Aushängeschild der Nouvelle Cuisine, der Zeus der Köche. Spitzenköche weinen heute in ihr Coq au vin. Keine Tageszeitung, die sich nicht vor dem Koch des Jahrhunderts verneigt, ihm Superlative anhängt. Paul Bocuse ist tot. Einfachheit, Regionalität, frische Zutaten und vor allem die Kunst zu leben, waren seine Grundlinien. Sein Drei-Sterne-Restaurant L’Auberge du Pont de Collonges (oder einfach Bocuse) bei Lyon galt als Pilgerort für Gourmets aus aller Welt. Klar, die Einfachheit hat ihren Preis. Ein paar hundert Euro muss man auf den Tisch legen, um im Bocuse zu essen. Nur sein Chef, Paul Bocuse, der ist tot. Lecker Brathähnchen mit Kartoffelpüree, das war sein Ding. Im Bocuse heißt das: „Fricassee of Bresse chicken in cream sauce, morel mushrooms“. Fast am Ende des Nachrufs noch ein wenig die Suppe versalzen? Gerne. „Bonjour Monsieur, buckelt der Sarottimohr und weist die Stufen hinauf. Hier geht’s nicht zu Onkel Toms Hütte, sondern sie sind ante portas beim Number-one-Koch Paul Bocuse, der sich einen Neger als Grüßaugust hält“, schrieb vor vielen Jahren die TAZ über sein Restaurant und Paul Bocuse. Damit das aber nicht wirklich das Ende ist – man soll nicht schlecht über die Toten reden, sagt doch auch Mutter – hier mein Tipp für heute Abend: Gönnen Sie sich mal einen schönen Gockel mit Kartoffelpüree. Wenn ihr Hahn aus der Region kommt und vielleicht nicht ganz so schlecht lebte, sind sie nah bei dem Zeus der Küche. Es ist wirklich seltsam, was bei einem so hängen bleibt.

 

Deutschlandreise #3 – Haltern am See

Bahnhof Münster – Tor zur Welt

Mit der Eurobahn von Münster. Dreizehn Euro Siebzig für eine halbe Stunde Fahrt, Bahn Card Nutzung nicht möglich, da Verkehrsverbund. „Warum habe ich diese blöde Bahn Card überhaupt“, schimpfe ich mehr leise als laut. Im Zug Menschen in dicken Winterjacken, selbstgestrickten Schals und hippen Puddelmützen, auf dem Boden ein Teppich aus Matsch und in der Luft ein Aroma zwischen Schweiß und Pups. Für mich gibt es noch einen Platz zwischen WC und Ticketautomat. Eine ältere Dame guckt mich erwartend, ja fordernd an. Sie erwartet, ja fordert, dass ich ihr meinen Platz anbiete. Doch ich widerstehe: Man muss auch mal nein sagen können. Einfach mal wegschauen. Mutter sagt immer, Freundlichkeit macht nicht satt.

Also Klappsitz runter, Handy raus, Daumen drauf. Über mir ein Schimpfen einen älteren Dame, doch heute kann ich abschalten. Da eine Kurznachricht auf meinem Smartphone. BILD sagt: Wieder keine weiße Weihnacht. Ist das der Klimawandel? Kühles Bier statt heißem Glühwein? Mutter sagt: Damals hat es immer im Winter geschneit. Nicht so wie heute. Die Kinder kennen ja gar kein Schnee mehr. Die Kinder kennen sowieso gar nichts mehr. Außer Fernsehen und Gewalt.

Nächste Station Haltern am See. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Haltern am See: Tor ins Ruhrgebiet. Mancher erinnert sich: Vor ein paar Jahren das Flugzeugunglück. Ein Selbstmörder steuert eine Boing gegen die Alpen. In dem Flieger eine Schulklasse aus der Gegend. Abifahrt nach Barcelona. Man besuchte La Rambla, die Sagrada Família und die Fußballfans Camp Nou, Messis Heimatverein. BILD schrieb: Der Pilot war depressiv. Eine ganze Stadt trauert, ein ganzes Land trauert.

Wikipedia lehrt, ein Selbstmord ist entweder aktiv, passiv oder aktiv erweitert. Bei einem aktivem erweiterten Selbstmord nimmt man noch weitere Personen mit. Zum Beispiel: Ein kranker Katholik, der sich in einem Beichtstuhl während der Sonntagsmesse kurz vor der Kommunion in die Luft jagt und hierbei ein Rudel gläubige Christen mit ins Paradies nimmt, begeht einen aktiven erweiterten Selbstmord. Ein geisteskranker Diktator, der sich tot hungert, weil seine Hauptdirne verstorben ist und sein Volk gleich mit verhungern lässt, einfach kein Brot mehr gibt, begeht zum Beispiel passiven, erweiterten Selbstmord.

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen“, sagte Marie Antoinette. Diese Worte der berühmten französischen Königin haben nichts mit Selbstmord und Haltern am See zu tun, sind mir aber gerade in den Sinn gekommen. Er, der Satz, ist aber eine Fake News. Historiker sagen, sie hat das nie gesagt. Mutter sagt, glaub nicht alles, was du liest. Ne, glaube ich nicht.

Haltern am See. Tor ins Ruhrgebiet oder Tor ins Münsterland. Das ist ja Ansichtssache. Das kommt auf die Perspektive an, also Richtung. So spricht der Bochumer vom Tor zum Münsterland, der Münsteraner vom Tor ins Ruhrgebiet. Im Sommer ein großes Zusammentreffen und Begucken. Wer kein Geld für Nord-, Ost- oder Bodensee hat, schwimmt gerne ein paar Bahnen im Haltener See. Hier trifft Bergbau auf Schweinemast, Zeche auf Acker. Am See ähnlich viele Münsterländer wie Menschen aus dem Revier. Man gafft und staunt über die Kultur des Anderen: „Hast du den gesehen?“ „Ja, so was aber auch.“ „Sowas sieht man bei uns ja nicht“ „Ne, er in Tigerbadehose und die Alte dackelt demütig mit ihren Gören ein paar Meter hinter ihrem Macker her.“ „Ja, fünf Gören hatte die, die Jüngste vielleicht acht. Und alle am Rauchen.“ Man lästert und lächelt. Auf beiden Seiten.

Ein Bekannter eines Freundes kennt jemand, der hier wohnt. Jeden Tag pendelt der nach Münster. Arme Sau, denke ich, als ich in Haltern am See aussteige. Aber im Sommer ein See vor der Haustür. Man muss sich das Glas halbvoll vorstellen, nicht halbleer, dann geht es. Münster Marketing sagt: Münsterland, Toscana des Nordens. Das ist mal ein halbvolles Glas.

Über Montage, Handtrockner und die Bedeutung einer warmen Mahlzeit

Kalter Reis im Blechpott mit scharfem Huhn überm Teelicht

Münster. Montag, 8 Januar. Mittagspause. Ich sitze bei einem Chinesen oder Thailänder bestelle Reis mit Huhn. Manchmal bestelle ich auch Schwein mit Reis oder was anderes. Nur Fisch bestelle ich eigentlich nicht, weil ich nicht weiß, wo der Fisch herkommt und man den Leuten ja nicht unter den Rock gucken kann oder in die Küche.
Also ich bestelle Reis mit Huhn und gucke mich um. Hier und da sitzen ältere Herrschaften in dem Restaurant. Man unterhält leise über den Tisch hinweg; Einkaufstipps, Gerüchte über die Nachbarn, Besorgungen, die noch erledigt werden müssen. Über den Tisch hinweg wird getuschelt, geredet, geklärt.
„Einmal die Achtzehn. Bitte, der Herr. Guten Appetit wünsche ich.“ Der Tisch gegenüber bekommt sein Essen. Man konzentriert sich auf Reis mit Huhn oder Reis mit Ente. Genau lässt sich das von meinem Tisch nicht ausmachen.
„Geht es dir jetzt besser?“ Ein Mann nickt. „Bisschen besser.“ Seine Frau guckt erleichtert. Gott sein dank, es geht ihm besser, steht in ihrem Gesicht. Ja, Essen hilft, denke ich. Frei übersetzt,  sagten das schon die alten Ägypter. Und man braucht was Warmes im Bauch, das sagte schon meine Mutter. „Hast du heute was Warmes gehabt? Du weißt, wie wichtig es ist, was Warmes im Bauch zu haben?“, fragt sie immer. „Ja, Mutter“, sage ich dann, auch wenn ich gar nicht Warmes hatte. Ich weiß aber auch nicht, warum es wichtig ist, was Warmes im Bauch zu haben. Ich glaube, so einem Bauch ist es ganz egal, ob das Essen warm ist oder nicht.
Ich gehe mir kurz die Hände waschen, bevor der Reis mit Huhn, kommt. Ich habe das von Hause mitbekommen. Das sagt man so, dass man was von zu Hause mitbekommen hat. Ich habe mitbekommen, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht.
Tatsächlich kenne ich Restaurants und Gaststätten, wo man sich vorher nicht die Hände waschen möchte. Sie, die Händen, sind nachher gefühlt dreckiger als vorher, vom Gefühl dreckiger. Also wenn das Klo aussieht wie die WC Anlage auf der A1 Parkplatz Buddenkuhle, dann hat man so ein Gefühl von Dreck. Die Frau sagt immer, dass sie bestimmt wieder Herpes kriegt, nachdem sie auf solchen Klos war. Ich kriege kein Herpes auf solchen Klos. Ich kriege allerdings auch kein Herpes, habe ich noch nie bekommen. Man sagt, alle kriegen Herpes, aber bei manchen drückt sich das nicht äußerlich, über die Haut, aus. Bei mir drückt sich das Herpes nicht äußerlich aus.
Das Klo beim Thailänder oder beim Chinesen ist recht sauber. Hier kriegt auch die Frau kein Herpes, denke ich. Allerdings haben sie einen Fön für die Hände auf dem Klo. Ich lehne den Fön für die Hände ab. Seine Hände unter einen Fön zu halten, weil man Papiertücher sparen oder Stoffhandtücher nicht waschen möchte, empfinde ich als unangenehm. Ich nutze aber auch selten einen Haarfön. Föne sind keine Dinge, die ich vermissen würde, wenn es sie nicht gäbe. Ich würde auch den Erfinder des Föns nicht auf die Schulter klopfen und ihm für seine Erfindung danken. Der Fön ist für mich eine überschätzte Erfindung. Der Handfön sogar ein Unding. Der Handfön beim Chinesen oder Thailänder heißt Air Wolf, das soll wohl seine Stärke ausdrücken. Wegen dem Wolf im Namen. Ein Wolf ist ein starkes Tier. Der Air Wolf ist ein starker Hand Fön.
Als ich vom Händewaschen vor dem Essen zurückkommen, steht meine Bestellung schon auf dem Tisch. „Die Nummer Sechsundvierzig. Bitte, der Herr. Guten Appetit,“ ruft die chinesische oder thailändische Kellnerin. „Danke.“ Ich lasse es mir schmecken. Klappt aber nicht, weil es eben nicht schmeckt. Wenn sie mich nachher fragt, wie das Essen geschmeckt hat, werde ich sagen, dass das Huhn wenigstens dreimal getötet wurde, so zäh ist das. Und der Reis? Der ist kalt. Das werde ich nachher sagen, wenn man mich fragt. Und Trinkgeld gibt es auch nicht. „Trinkgeld? Niemals. Ich habe noch nicht mal etwas warmes im Bauch“, werde ich sagen, wenn man mich fragt. Ein Pluspunkt ist die Würze Man soll nicht nur schimpfen, sondern auch schauen, wo man loben kann. Das Essen ist scharf. Ein Extrapott scharfe Soße steht auf dem Tisch, um es noch schärfer zu machen.
Zu Hause habe ich auch eine scharfe Soße, mit der ich meine mißratenen Kochversuche zu retten versuche. Hier im chinesischen oder thailändischen Restaurant stehen die Pullen scharfe Soße auf jedem Tisch. Der Gast darf den kalten Reis gerne schärfen und das zweifellos tote Tier kann auch einen Schlag scharfe Soße vertragen. So geht es. Wenn es nicht schmeckt, mach es scharf. So kriege ich den Teller leer.
Ich winke nach der Rechnung, also der Kellnerin. Schwups steht eine Chinesin oder Thailänderin am Tisch.
„Hat es Ihnen geschmeckt, der Herr?“
„Sehr gut. Danke.“ Oh, ich verabscheue mich.
„12,40 Euro, bitte. Der Herr“
„Vierzehn, danke.“ Oh, wie ich mich verabscheue. Ich reiche ihr einen Zwanziger.
„Danke der Herr.“ Sie lacht, lacht mich aus und gibt mir auf Zwanzig heraus. Und ich? Ich schäme mich für meine Feigheit. Nicht in der Lage ihr die Wahrheit zu sagen. Auch noch die Lüge mit einem Trinkgeld unterstreichen. Ja, ich schäme mich. Und später gibt es auch noch Bauchschmerzen wegen der scharfen Soße. „Von so einer scharfen Soße hat man zweimal was“, sagt die Frau immer. Beim zweiten Mal werde ich mich daran wieder erinnern. Und schämen. Und der Reis war auch kalt. Noch nicht mal was Warmes im Bauch. Dabei ist das so Wichtig, was Warmes im Bauch zu haben, sagt Mutter immer. Gerade an einem Montag. Zu Beginn der langen Arbeitswoche braucht man was Warmes im Bauch. Ach Montag. Du …du Air Wolf.