Über Eichhörnchen, TV Duelle und historische Momente

Europäisches Eichhörnchen vor zwei Restmülltonnen in Münster

Sonntag, 21 Uhr. Eichhörnchen sind Einzelgänger. Politik spielt für das Europäische Eichhörnchen keine Rolle. Wir schaffen das, sagte vor zwei Jahren die Kanzlerin. Heute ist der Satz ein historischer Moment. Für uns waren die Bilder bewegend, dem Eichhörnchen waren sie egal: Tausende machten sich in Ungarn auf und spazierten Richtung Deutschland. Kurz vor der Wahl gibt es jetzt ein letztes TV Duel zwischen Merkel und Schulz, den beiden Spitzenkandidaten der großen Volksparteien. Schulz erinnert an den Finanzwart oder Ordnungshüter der Schrebergarten-Anlage Gartenglück. „Ich danke Ihnen für dieses Frage. Wir müssen dem Europäischen Eichhörnchen seine Schranken zeigen.“ War dieser Mann wirklich einmal an der Spitze der EU oder kam er direkt aus Würselen mit dem Wochenendticket ins Willy Brandt Haus gefahren? Also wieder vier Jahre Raute und Mutter Beimer. Aber es gibt schlimmeres, denkt man und schaut ängstlich in die Türken, nach Ungarn, Polen, den USA, Nordkorea, halb Afrika, Jemen, Irak, Syrien, Saudi Arabien und und und… da bahnen sich gerade viele historische Momente an. Nur dem Eichhörnchen ist das egal. Es ist ein Einzelgänger. Nur zur Paarungszeit verfolgen die Männchen die Weibchen innerhalb der Baumkronen. Ansonsten streift der pelzige Freund alleine Wald und Flur. Für das Eichhörnchen gibt es keine historischen Momente.

Ein sehr wichtiges Interview mit zwei Stadtführer über die Skulptur Projekte

Münster, Montag, 16 Uhr. In einem unglaublich hippen Café in Münster treffe ich auf meinen alten Kumpel Klaus Vöstmann. Früher Slam Poet, heute nur noch Poet. „Die schreien immer soviel auf Slams“, sagt Klaus. „Nicht alle“, sage ich. „Aber viele.“ Ich nicke.

Er sitzt mit seiner Kollegin Julia zusammen bei Kaffee und Keksen. Beide machen seit Jahren Stadtführungen. Gerade machen sie Pause, da störe ich mit einem blöden Interview. „Hey!“, sage ich. „Was?“, fragt Klaus. „Wollen wir ein Interview machen?“ „Unbedingt.“ Und los geht es.

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Über einen Kunstraub, kleine Aufreger und Benz, Bonin, Burr.

Benz, Bonin, Burr (2017)
Vorne: Benz, Bonin, Burr. Die Arbeit von Bonin und Burr ist mit das Beste auf unseren Skultur Projekten. Hinten: Moore; Museum, Menschen

„Unsere Henry“, sagen die Münsteraner zum englischen Bildhauer Moore, weil er mit Vornamen Henry heißt und letztes Jahr eine große Ausstellung im Landesmuseum war, wo seine Skulpturen gezeigt wurden. Und die Münsteraner haben gestaunt über soviel Bildhauerei. Denn das konnte unsere Henry: Große Skulpturen. Und wenn etwas so groß und schwer ist, muss es auch gut sein, denkt der Münsteraner und streichelt seinen Moore. „Über einen Kunstraub, kleine Aufreger und Benz, Bonin, Burr.“ weiterlesen

Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus

Bei meinem dritten Anlauf habe ich es endlich geschafft. Ich stehe in der ehemaligen Eishalle und existiere in der künstlichen Welt von Pierre Huyghe. Dabei ist auch heute die Situation wieder angespannt: Die Warteschlange vor dem Eingang lang, das Wetter stürmisch, die Aufsicht ein harter Hund, der trotz strömenden Regens niemanden Unterschlupf im Eingangsbereich gewährt. „Der Eingang muss frei bleiben. Bitte nicht die Kunst betreten. You destroy the art. You destroy the art“, schreit die Aufsicht und lässt auch die ältere, fußkranke Dame im Regen stehen, die ihn anfleht, sich unter das Regendach stellen zu dürfen. „Nein heißt nein“, seine Antwort auf ihr Flehen. Wie gesagt: Ein harter Hund. Ich denke, Student der sozialen Arbeit oder Primarstufe. Ein Sadist in Stoppersocken. „Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus“ weiterlesen

Tag 18 Skulptur Projekte – Über den Schlager, Kurzfilme und Videoinstallationen

Schlager gibt es in der Elephant Lounge. Der Club steht für ein gepflegtes Glas Whisky – Cola und leichte, aber korpulente Damen ab Vierzig mit Strasssteinen am Minirock. Hier zeigen die Barbara und der Benjamin eine 1-Kanal-Videoinstallation, also einen Kurzfilm, aber 1-Kanal-Videoinstallation klingt besser. In dem Kurzfilm geht es um die Liebe zum Schlager und der Flucht aus dem Alltag durch die Tagträumerei. Die Barbara und der Benjamin versuchen ironisch mit dem Thema umzugehen, deswegen auch die Wahl des bedeutungsschwangeren Clubs als Kurzfilm-Spielstätte. Die Clubbetreiber versuchen die Ironie mit Selbstironie zu begegnen, verkaufen Popkorn und bunte Getränke mit Strohhalm. Es wirkt alles sehr tragisch und kein bißchen ironisch. Außerdem riecht es furchtbar nach Klostein oder Urin. „Tag 18 Skulptur Projekte – Über den Schlager, Kurzfilme und Videoinstallationen“ weiterlesen

Tag 16 – Skulptur Projekte. Über Opa, Gold und die Kunst

Mein Opa sagte immer: „ Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Er meinte damit, dass nicht nur Gold glänzt, sondern auch zum Beispiel gefrorene Kotze.

Ich bin ein Poetry Slammer. Das heißt, ich stelle mich ab und zu auf Offene Literaturbühnen und lese dort selbstgeschriebene Texte vor. Ich denke, dass ich damit ein Teil der Literaturszene bin, auch wenn es andere gibt, die Poetry Slammer niemals als Teil der Literaturszene ansehen werden. „Tag 16 – Skulptur Projekte. Über Opa, Gold und die Kunst“ weiterlesen

Skulptur Projekte. Über die Kunst, die etwas in einem bewegt und beliebte Stellen

Schlossparkbaumstamm und …

Im Schlosspark liegt ein alter knorriger Baumstamm auf der großen Wiese. Ein Hinweisschild erklärt, dass sich in dem alten Stamm viele Lebewesen ein zu Hause gesucht haben. Schön, denke ich und freue mich, dass man in Münster doch noch hier und da Wohnraum finden kann.

Gerade war ich noch in der Innenstadt am Erbdrostenhof und habe mir die Bronzearbeit von Nairy Baghramian angeschaut. Sie heißt „Beliebte Stellen“, weil der Erbdrostenhof bei den letzten Skulptur Projekten eine beliebte Stelle der Künstler war. „Skulptur Projekte. Über die Kunst, die etwas in einem bewegt und beliebte Stellen“ weiterlesen

Skulptur Projekte: Über Scream, Friedhöfe und den echten Grusel

Gruselstimmung hinterm Schloss. Zitate aus der Popkultur.

Die Masken von Hervé Youmbi hängen in den Bäumen auf einem alten Friedhof hinterm Schloss. Auf den ersten Blick erinnern sie, die Masken, an den Film Scream. In dem Klassiker „Scream“ trägt der Serienkiller auch eine Maske. Der Film war ein großer kommerzieller Erfolg, da man sich sehr gruselte, wenn man den Film sah. Ich konnte damals nicht gut schlafen, nachdem ich den Film gesehen hatte. Nach dem Erfolg gab es noch einen zweiten, dritten und vierten Teil von Scream. Sie waren auch noch erfolgreich, aber mit der Wiederholung sank auch der Grusel. „Skulptur Projekte: Über Scream, Friedhöfe und den echten Grusel“ weiterlesen

Skulptur Projekte. Über den Minnesang. Mailied, Sommerlied und Winterlied.

Die Skulptur Projekte schafft Arbeitsplätze. Zum Beispiel das Amt der Aufsicht. Münster, 16 Uhr, 29 Grad im Schatten. Eine schwitzden Aufsicht sitzt in seinem Picknickstuhl, den er sich für das letzte Rock am Ring Festival gekauft hat, vor der Installation und liest. Nächste Woche muss er ein Referat über die Naturlieder des mittelalterlichen Minnesangs halten, die ihn ähnlich berühren wie die Installation, vor der er hundert Tage fünfmal die Woche vier Stunden sitzen muss. „Skulptur Projekte. Über den Minnesang. Mailied, Sommerlied und Winterlied.“ weiterlesen

Tag 10- Skulptur Projekte. Über Kirchengeläut, Kunst und Kuchen

Für das geschulte Ohr. Evans hat das Geläut der Kirchenglocke mit einer Klimaanlage verändert.

Die Frau, das Kind und ich machen einen Sonntagsausflug. Ich habe den Anhänger an mein Fahrrad geschnallt und wir wollen die Installtion von Cerith Wyn Evans sehen. Ein ganze Weile suchen wir die Arbeit, laut Plan versteckt sie sich auf einem Kirchplatz, doch wir finden weder Kirchplatz noch Kunst. Dann hat die Frau Glück und findet die besagte Adresse und zwei Mädchen, in Skultur Projekte Shirts, die Aufsicht führen und Verantwortung für die Kunst haben. „Ne, das ist eine Klangarbeit, die sieht man nicht“, erklärt das eine Mädchen der Frau und die andere guckt hinter unserer Kind her, was gerade die Blumen aus einem Beet herausreißt – sie hasst Blumen – und sagt, dass unsere Tochter aber ein süßer Bursche ist. Ich gucke in meine Kunst App und lese, dass Cerith Wyn Evans anhand einer Klimaanlage das Geläut der Glocken verändert hat. Außerdem sollen auf dem Platz zwei Neonröhren stehen, die den Gegenpart zur Klangkunst bilden. Um 16 Uhr und um 19 Uhr kann man das Spektakel erleben. Ich gucke auf die Uhr. „Es ist sechs“, sage ich zur Frau und den beiden Aufsichtsmädchen. „Ja, doof. Und die Neonröhren wollte der Künstler dann auch nicht“, sagen die Mädchen und fragen, fast entschuldigend ob sie uns ein Stückchen Kuchen anbieten können. Sie haben extra Kuchen gebacken, erklären sie. Wenn es hier schon nichts an Kunst gibt, soll man wenigstens etwas in den Magen kriegen. Wir kaufen drei Stücke – sicherlich auch ein wenig aus Mitleid – und fahren nach Hause. „Das war aber eher enttäuschend. Ich glaube, den Mädchen war das sogar peinlich“, sagt später die Frau. Ich nicke. „Muss es nicht“, sage ich. Mir fällt auch nichts kluges darauf ein.